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Jean Echenoz: Blitze : Wie einer ist

  • -Aktualisiert am

Ein Rockkonzert in China mit einer Teslaspule: So weit reicht Nikola Teslas Einfluss Bild: dpa

Eine Verbeugung: Jean Echenoz macht in „Blitze“ den großen Erfinder Nikola Tesla zu seiner Romanfigur.

          Gleich zur Geburt seines Helden hat sich der französische Romancier Jean Echenoz etwas einfallen lassen. Rasend originell, das muss man zugeben, ist seine Idee zwar nicht. Aber immerhin kündigt sich in ihr sofort an, was das Leben und Sein seiner Romanfigur, des großen Erfinders Nikola Tesla, in der Folge bewegen wird: Zur Stunde seiner Geburt „irgendwo in Südosteuropa, fern von allem außer von der Adria“, wütet nämlich ein fürchterliches Unwetter, Wind rüttelt an den Fenstern des Hauses und lässt die Scheiben zerbersten, Regen überflutet die Dielen, der Blitz fährt in den großen, in der Mitte des Hofes stehenden Baum, kurz: Es herrscht ein so urtümliches Chaos, dass später niemand mehr wird sagen können, ob der kleine Nikola nun kurz vor oder kurz nach Mitternacht zur Welt kam. Sein Leben beginnt mit einer Unsicherheit, weil die elementaren, den Lauf der Welt bestimmenden Kräfte sich scheinbar mit ihm anlegen wollen, von allem Anfang an.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Tesla hat, wie man weiß, diesen Fehdehandschuh gerne aufgehoben. Jean Echenoz, der dem Erfinder ein schmales, mehr einer Erzählung als einem Roman ähnelndes Buch gewidmet hat, kommt deswegen auch umgehend zur Sache. „In fünf Minuten“ lässt er seinen Helden ein halbes Dutzend Sprachen lernen, in rasendem Tempo dann die Schule absolvieren und so gut wie alle naturwissenschaftlichen Fächer studieren, die er finden kann. Es vergehen keine zehn Seiten, bis der junge Mann, den Echenoz nicht Nikola, sondern Gregor nennt, 1884 den Dampfer besteigt, der ihn nach New York bringt, wo er das Leben eines mal hoch geachteten, mal milde belächelten Genies führt.

          Den historischen Fakten meist treu

          „Blitze“, wie Echenoz’ Werk heißt, ist das letzte von drei Büchern, in denen sich der Schriftsteller dreier historischer Personen angenommen hat, die selbst bei genauem Hinsehen nichts miteinander verbindet, außer der traurigen Tatsache, dass ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten ihnen letztlich doch kein Glück gebracht haben. In „Ravel“ beschrieb Echenoz die letzten, von Krankheit gezeichneten Jahre des Komponisten Maurice Ravel; in „Laufen“ begleitete er den tschechischen Langstreckenläufer Emil Zátopek durch sein von der Sowjetunion argwöhnisch beäugtes Leben; und in dem nun erschienenen dritten Buch heftet er sich an die Fersen von Nikola Tesla alias Gregor – wie den beiden anderen dichtet er ihm dabei ein Leben an, das Tesla genauso geführt haben könnte. Echenoz’ Figuren haben, obwohl er seine Bücher Romane nennt, so gut wie kein literarisches Eigenleben.

          Hier und dort erlaubt sich der Autor zwar Auslassungen und Übertreibungen – Gregor beispielsweise pflegt eine nahezu groteske Leidenschaft für Tauben –, aber er bleibt den historischen Fakten doch meist treu. Echenoz betätigt sich hier also weder als Märchenonkel noch als Biograph, sondern als ein Erzähler, der mit Fakten und Fiktionen spielt, um einer historischen Existenz neues Leben einzuhauchen.

          Auf der Überholspur oder in der Versenkung

          Gregors Leben ist nun eines, das mit den Ideen des Mannes kaum Schritt halten kann. Er ist zwar der Erste, der die Vorteile des Wechselstroms gegenüber dem Gleichstrom erkennt, aber es braucht Jahre, bis er jemanden findet, der bereit ist, in seine Idee zu investieren. Es dauert ebenfalls Jahre, bis die Grundlagen der Röntgenstrahlung und des Radars, die Gregor mit seinen Versuchen gelegt hat, von jemandem als bahnbrechend erkannt und genutzt werden – wobei, und hierin liegt die doppelte Tragik der Figur, Gregor als jemand erscheint, der seiner Zeit zugleich vorauseilt und hinterherhechelt. Es gibt niemanden, der in so rasendem Tempo so geniale Entdeckungen macht wie er. Aber es gibt fast immer andere, die über die Ausdauer verfügen, diese Entdeckungen gewinnbringend nutzbar zu machen. Dieses Dilemma übersetzt Echenoz in ein immer wieder wechselndes Erzähltempo, in Passagen, in denen sich die Ereignisse überschlagen, und andere, in denen Gregor nichts tut, als sich mit seinen Tauben zu befassen. Gregor lebt auf der Überholspur oder in der Versenkung, ein angenehmeres Maß kennt er nicht.

          Dabei bietet Echenoz nicht mal ansatzweise Erklärungen für die multiplen Manien seines Helden, für seine Tierliebe, sein ewiges Junggesellendasein, auch nicht für sein Genie. Es geht hier, genauso wenig wie in den anderen beiden Büchern dieser „suite de trois vies“, eben nicht zuvörderst um die Frage, warum einer wurde, wie er ist. Es geht allein darum, wie er ist. Und darum, ob wir ihn so mögen. Und das tun wir, sehr sogar.

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