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Jaroslav Rudis: Die Stille in Prag : Mit Musik gegen die Einsamkeit antoben

  • -Aktualisiert am

Bild: Luchterhand

Tonkunst: Ein Prager Großstadtroman von Jaroslav Rudis lässt die Stadt der Romantiktouristen ganz anders klingen - lauter, ehrlicher und schöner.

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          Eine besonders laute Stadt ist Prag ja nicht gerade, verglichen etwa mit Kairo oder Neapel oder, sagen wir, Taipeh. Im Gegenteil - unter den verbliebenen alteuropäischen Metropolen mit vielen Kirchtürmen, krummfassadigen Häusern, engen Gassen und Bogenbrücken gilt Prag nicht grundlos als die alteuropäischste, typischste, verwunschenste. Das ist die Perspektive der vielen Millionen Touristen, die hier in Rabbi Löws Golem-Magie des alten Gettos eintauchen und im Goldenen Gässchen unterm Hradschin an Karl IV. oder Kafka oder Havel denken. Sogar die Revolutionen, scheint es, sind hier poetisch, still und samten. Jaroslav Rudis handelt mit seinem Großstadtroman „Die Stille in Prag“ indes nicht vom wohlfeilen Mythos für die Durchreisenden, sondern von Lebensläufen echter Prager, irgendwann in den Jahren nach der Jahrtausendwende. Und da geht es lauter zu.

          Wir lernen Hana kennen, die Karrierefrau aus dem Kulturministerium, die nach einer langweiligen Konferenz und einem beglückenden One-Night-Stand aus Lissabon wieder über dem Prager Flughafen einschwebt. Oder Petr, der mit seiner Hündin Malmö im Cockpit von Straßenbahnen durch Prag fährt und dabei als romantischer Loser von der großen Liebe träumt. Oder Vanda, die fast achtzehn ist, klein und zerbrechlich und von der Scheidung ihrer Eltern mitgenommen, aber mit Koks in der Nase und Gitarre in der Punkband Kill the Barbie verdammt großmäulig und erwachsen daherzukommen versucht. Oder Wayne, der als mittelmäßiger Anwalt aus Delaware stammt, irgendwann in den Neunzigern in Prag hängenblieb, bei den Privatisierungen und Marktöffnungen gute Geschäfte machte, doch jetzt merkt, dass es mit Geldverdienen und Gespielin (Hana, siehe oben) nicht erfüllt weitergeht. Oder Vladimir, der vor seiner Pensionierung als Perkussionist im staatlichen Symphonieorchester gearbeitet hat, dessen Frau an Krebs gestorben ist und der nun in seinem Plattenbauquartier einen einsamen Kampf gegen Lärm und laute Musik kämpft.

          “Die Stille in Prag“ ist das, was Vladimir nach all den Jahren des Bauens und Abreißens und Motorisierens und Erschließens und Konsumierens gern wieder zurückhätte. Am Ende des Romans gelingt ihm das sogar für einen kurzen, kostbaren Dämmermoment, aber da ist Vladimir schon tot. Doch vorher führt Rudis die Lebensläufe seiner Protagonisten an einem ganz gewöhnlichen Tag im mittellauten Prag virtuos zusammen: Petr hatte eine Affäre mit der kleinen Vanda, weil die ihren Typ auf dem Discoklo mit einer anderen erwischte und bei Betriebsschluss ziellos in der Straßenbahn hängenblieb. Hana hat von Wayne und der Karriere die Nase voll, einfach so, nicht wegen des Seitensprungs, und gerät zufällig in Vandas Punkkonzert, gefolgt von Wayne. Und auch Vladimir ist da an der Lärmfront nicht fern.

          Psychogramme aus den Geschmäckern der Helden

          Nach Art des Episodenfilms, streckenweise mit knappen Dialogen beschleunigt zur Screwball-Comedy, lenkt der Autor sein Personal durch die Stadt und dabei schicksalhaft ineinander - so wie die Straßenbahn, in welche Vandas nervöser Vater, ein Architektenyuppie mit Hang zu Teeniegeliebten, mit seinem Geländewagen hineinrasselt. Oder wie Vladimir, der als Musikverächter in derselben Straßenbahn Hanas iPod-Kabel durchschneidet. Das geschieht übrigens nach sorgsam langem Anlauf auf Seite 93, doch dann ist das Verhängnis schon nicht mehr zu stoppen. Dass Jaroslav Rudis ein erklärter Liebhaber des öffentlichen Schienenverkehrs ist, hat er als Texter des Kultcomics „Alois Nebel“ um einen böhmischen Eisenbahner unter Beweis gestellt. Hier spielt neben der Straßenbahn noch seine Passion für Popmusik herein - beileibe nicht nur beim Straßenbahner Petr, der bei der Arbeit am liebsten die genialen britischen Suizidrocker Joy Division hört. Und er weiß auch, warum: „Alle haben Angst vor der Einsamkeit. Deswegen läuft überall Musik.“

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