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Janet Malcolm: Tschechow lesen. Eine literarische Reise. : Zerreiß mir nicht das Herz

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Bild: Verlag

Elf Variationen über Anton Tschechow: Zum hundertfünfzigsten Geburtstag erforscht eine Reihe neuer Bücher die Rätsel, Motive und Verstrickungen im Leben und im Werk des großen russischen Autors.

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          Sein Tod gehört zu den großen Szenen der Literaturgeschichte. Am 15. Juli 1904 kurz nach Mitternacht ließ der 44 Jahre alte Schriftsteller und Arzt Anton Tschechow in einem Hotel in Badenweiler angeblich zum ersten Mal in seinem Leben nach einem Fachkollegen rufen. Die von einer in seinen Lungen wütenden Tuberkulose hervorgerufenen Schmerzen waren unerträglich. Seine Frau, die Schauspielerin Olga Knipper, wollte ihm einen Eisbeutel auf die Brust legen, eine Geste, die der Kranke nur mit „Man legt kein Eis auf einen leeren Magen“ kommentierte. Als der Arzt nach Sauerstoff schicken wollte, bemerkte Tschechow, bis der da wäre, sei er längst tot. Darauf brachte man Champagner, von dem er ein ganzes Glas trank, und verschied Minuten später. Woody Allen, für den Tschechow der Größte war, hätte es nicht besser inszenieren können.

          Janet Malcolm, eine der bekanntesten Essayistinnen Amerikas, zitiert diese Szene in elf Variationen aus Erinnerungen an und Biographien über Tschechow. Zu seinem 150. Geburtstag ließ der Berlin Verlag Malcolms bereits 2001 in Amerika erschienene literarische Reportage auf den Spuren des Erzählers und Dramatikers ins Deutsche übertragen. Ohne Rücksicht auf biographische Chronologien begleiten wir sie nach Jalta, Moskau und Petersburg und folgen der des Russischen Unkundigen und ihren mehr oder weniger tschechowkundigen lokalen Reiseleiterinnen an Schauplätze, die mit dem Schicksal Tschechows und dem seiner fiktiven Figuren verbunden sind. Hinein mischt sich eine zuweilen naive Kritik an den modernen postsowjetischen Verhältnissen, die den Umbruchsjahren der Tschechow-Zeit gar nicht so unähnlich sind. Für Malcolm ist es eine Freudsche Herausforderung, „Tschechows seltsame, verschlüsselte Werke“ nach „versteckten Motiven abzuklopfen“ und die Mysterien zu erspüren, die die Orte und Worte preisgeben. Dabei geht es der New Yorkerin nicht nur um das Geheimnis des Tschechowschen Stils, der die Bilder hütet, weil er um die „Kluft zwischen Denken und Schreiben“ weiß. Es geht auch um die Rätsel, Motive und tragischen Verstrickungen in Tschechows Schicksal selbst – Freiheit, Liebe, Sex, Familie, Glauben und die Suche nach dem sich höchst selten offenbarenden „Kern des Lebens“. Malcolm legt Tschechow auf die Couch. Der Patient, man spürt es, wehrt sich nach Kräften.

          Vor den Gläubigern geflohen

          Anders als die meisten großen russischen Autoren des neunzehnten Jahrhunderts gehörte Tschechow nicht dem Adel oder dem gehobenen Bürgertum an. Seine Eltern stammten von Leibeigenen ab, sein ebenso tyrannischer wie frömmelnder Vater betrieb in der südrussischen Hafenstadt Taganrog, in der Tschechow am 29. Januar 1860 geboren wurde, einen Krämerladen und tat dies so miserabel, dass er 1876 Bankrott anmelden und vor den Gläubigern nach Moskau fliehen musste. Anton blieb auf sich allein gestellt, von Nachhilfestunden kärglich existierend, zurück und beendete 1879 das Gymnasium, um in Moskau Medizin zu studieren. Dort schrieb er unter Pseudonym nachts Humoresken für Zeitungen, mit denen er sich und die Familie über Wasser hielt. In seiner Kindererzählung „Kaschtanke“ über eine Hündin will Malcolm ein bitteres Gleichnis auf Tschechows Leben erkennen. Denn obwohl sich dieser nur langsam von den Qualen und väterlichen Züchtigungen seiner Kindheit frei machen konnte, den „Sklaven“, wie er an seinen Verleger schrieb, „tropfenweise aus sich herauspresst“, so konnte er sich doch nie von der Familie lösen und blieb zeitlebens deren finanzielle und moralische Stütze. In der Verantwortung für die Familie mag man auch einen möglichen Grund erkennen, warum Tschechow sich erst spät binden konnte. Er heiratete die Schauspielerin Olga Knipper, als seine Krankheit bereits weit fortgeschritten war. Seine Beziehung zu Frauen bleibt ein Buch mit sieben Siegeln, wenig geben die vielen Briefe her, und man weiß bis heute nicht, ob Olga oder vielleicht doch die verheiratete Petersburgerin Lydia Awilowa seine große Liebe war. Letzteres bestreitet Malcolm heftig und votiert für die emanzipierte Olga, die von den Russen gerade deshalb und aufgrund ihrer deutschen Herkunft skeptisch betrachtet wurde.

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