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Janet Frame: Dem neuen Sommer entgegen : Die Frau, die ein Zugvogel war

Bild: Verlag

In Janet Frames Nachlass ist ein Roman aufgetaucht, den sie für zu persönlich hielt, um ihn zu Lebzeiten zu veröffentlichen. Es ist einer ihrer besten.

          3 Min.

          Grace Cleave – schon der Name, den Janet Frame ihrer Hauptfigur gibt, schillert. Gespalten – das ist Grace auf jeden Fall. Aber ist es ihr Anstand, ihr Liebreiz oder irgendeine ihr zugedachte Gnade, die da zerteilt wurde, wie die Wellen sich teilten, als Moses am Meer stand, oder wie ein Kopf, der unter der Wucht eines Beils in Stücke sprang? Und was geschieht, wenn man zwischen Vor- und Nachnamen einen Bindestrich setzt, wie ein Kind das tut, und Grace-Cleave zu einem Wort macht? Verändert das die Lage, die Person?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Grace Cleave, eine neuseeländische Schriftstellerin und fraglos das Alter Ego der Autorin, lebt in London. Sie ist auf qualvolle Weise schüchtern, misstraut den Wörtern, mit denen sie sich im Gespräch verständigen sollte, kann nicht nein sagen, obwohl „nein“ das Wort ist, das ihr als erstes einfällt, wenn sie irgendetwas gefragt wird. So sagt sie ja zur Einladung des Journalisten Philip, der sie einmal zu interviewen versucht hatte, ja zu einer Einladung aufs Land, wo es eineinhalb Grad wärmer sein soll als im winterlichen London, und fährt los zu einem Wochenende mit Philips Familie, von der sie fälschlich annimmt, sie bestehe nur aus ihm, seiner Frau Anne und deren Vater aus Neuseeland. Aber statt des Vaters, der verreist ist, trifft sie zwei Kinder an. Vor Kindern graust es ihr. Sie lassen sich nicht so leicht täuschen und merken schnell, wenn jemand keinen Kontakt findet, sich verstellt, in der Welt nicht zurechtkommt.

          Die Marx Brothers im Irrenhaus

          Es ist ein qualvolles Wochenende mit reizenden Menschen, das Grace durchlebt, mit gemeinsamen Mahlzeiten, die sie kaum übersteht, Unterhaltungen, die sie aus Ungeschicklichkeit kurzhält, nicht zustande kommenden Gesprächen, Tränen im Bett und einer messerscharfen Kälte, die sie gefangen hält. Nicht um die Ereignisse geht es hier, sondern um ein inneres Universum, das sich im Kontakt mit dem äußeren, mit den Wörtern nämlich, in Literatur verwandelt.

          Janet Frame schreibt entlang der Grenze zwischen wirklicher und eingebildeter Welt, wobei der Blick der Autorin immer beide Welten erfasst und die Wörter mühelos zwischen ihnen hin und her springen, Verbindungen bilden und die eine, die sichtbare Welt, mit der anderen sozusagen infizieren. Auf einem Spaziergang zum Beispiel, zu dem Grace trotz schneidender Kälte aufgebrochen war, um dem Zusammensein mit ihren freundlichen Gastgebern zu entgehen, trifft sie eine Frau in schwarzweiß geflicktem Kleid, die plötzlich anfängt, Schreie auszustoßen und mit den Armen zu schlagen. Sie ist eine Elster, denkt Grace, und während sie sie anstarrt, vollendet die Frau ihre Verwandlung. „Haben Sie unterwegs etwas Interessantes gesehen?“, das wird sie doch wahrscheinlich gefragt werden, wenn sie zurückkommt. „Als ich durch den Park ging, habe ich gesehen, wie sich eine Frau in einen Vogel verwandelte.“ Das ist der Dialog, den Grace sich vorstellt, und der dringende Wunsch nimmt von ihr Besitz, „wenigstens einmal im Leben die Wahrheit“ zu sagen. Aber sie sagt sie dann doch nicht, und das quälende Wochenende mit dem freundlichen Philip, Anne und den beiden Kindern nimmt seinen Lauf.

          Janet Frame, die große neuseeländische Dichterin, die ein paar Jahre lang, nachdem Jane Campion sie mit der Verfilmung ihres autobiographischen Romans „Ein Engel an meiner Tafel“ berühmt gemacht hatte, für den Nobelpreis im Gespräch war, dann aber ohne ihn 2004 starb, hat einen reichhaltigen Nachlass, wie es scheint. Der „New Yorker“ hatte daraus vor einiger Zeit bereits eine phantastische Kurzgeschichte gefischt, in der Janet Frame die Vorführung eines Marx-Brothers-Films in einem Irrenhaus beschrieb. Und nun ist dieser Roman aufgetaucht, den sie zwischen zwei Büchern in nur drei Monaten im Jahr 1963 niederschrieb und, wie Verena Auffermann in ihrem Nachwort schreibt, „in die Schublade“ legte: „Zu intim, dachte sie sich.“

          Gott und Scharfsinn

          Verena Auffermann weist einfühlsam und mit wachem Blick für die literarische Kraft dieser Autorin auf das Wesentliche hin: dass nämlich das Drama ihres Lebens – der Tod zweier Schwestern, der gewalttätige Vater, die Fehldiagnose mit Schizophrenie, die sie für viele Jahre in die Nervenheilanstalt brachte, von Elektroschocks geschüttelt und beinahe eines Teils ihres Gehirns beraubt – nicht in „Ein Angel an meiner Tafel“ erzählt wird, sondern in ihren anderen Büchern, in „Gesichter im Wasser“, dem frühen Märchen „Wenn Eulen schreien“, dem Roman „Auf dem Maniototo“. Und schließlich hier, in „Dem neuen Sommer entgegen“.

          Wer also ist diese Frau? In diesem Buch hält sie sich für einen Zugvogel. Sie hat Flügel, keine Fäuste, mit denen sie sich die Welt vom Leib halten könnte, es ist ein Zustand, der sie frei macht und gleichzeitig hilflos, der ihr eine Haut gibt, die dann doch nicht ihre wird. Das ist die eine Phantasie. Die andere aber gibt ihr ein Leben: weil im Zusammensein mit der Familie von Philip und Anne, beim Durchblättern von Fotoalben und beim Griff ins Bücherregal ihre eigene Familie, ihre eigene Geschichte wieder in ihr Blickfeld rücken, Erinnerungen, Wörter, Lieder. Und sie in diesen Erinnerungen doch deutlich ein Mensch ist, mit einem Vater, einer Mutter, den Häusern, die sie bewohnten, den Geschwistern, die vor und nach ihr kamen.

          Karen Nölle, die Übersetzerin, hat einige Anmerkungen an den Schluss des Buchs gestellt. Das ist ungewöhnlich, aber hilfreich im Fall dieses nachgelassenen Werks. So erfahren wir, dass der Zugvogel, für den Grace sich hält, biologisch richtig übersetzt im Deutschen eine Pfuhlschnepfe wäre. Karen Nölle hat sich entschieden, den englischen Namen beizubehalten: Godwit. Gott und Scharfsinn, das ist ein guter Name für diese immer noch viel zu unbekannte große Literatin.

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