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Jana Hensels Roman : Als das Wünschen nicht mehr geholfen hat

  • -Aktualisiert am

Die Autorin von „Zonenkinder“ auf neuen Wegen: Jana Hensel Bild: dpa

Israel ist nicht die Toskana: Jana Hensels Liebesroman „Keinland“ zeigt eine emotionale Entblößung – mit allen Risiken, die das literarisch mit sich bringt.

          3 Min.

          Es fällt nicht leicht, den Debütroman von Jana Hensel zu kritisieren – so, wie es auch nicht leichtfällt, jemanden zu kritisieren, der richtig arg verliebt ist und nicht mehr klar denken kann. Dass die Ich-Erzählerin dieses Romans richtig arg verliebt ist, merkt man schon an ihrer schwankenden Erzählhaltung, die vom Versuch einer Distanzierung geprägt ist. Sie bemüht sich, die Geschichte ihrer gescheiterten Fernbeziehung in der dritten Person zu erzählen. Doch es gelingt ihr nicht, dabei zu bleiben, sie gerät immer wieder in die Du-Form. So wird aus dem Roman ein Liebesbrief: „Kommst Du wieder zurück zu mir, Martin?“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Doch Martin bleibt fort, sein frühmorgendliches Verschwinden aus dem Leben der Erzählerin steht am Anfang und am Ende des Buches, dazwischen die Reflexion über eine schwierige Partnerschaft, die teilweise auch in minutiösen, dabei wenig überraschenden Dialogen dargestellt wird („Es geht nicht immer nur um dich. Verstehst du das?“).

          Essen, schlafen, weinen

          Die Zurückgebliebene, sie heißt Nadja und ist Journalistin in Berlin, wirkt fast traumatisiert, so schleifenhaft repetitiv ist ihre Erzählung, die sich teils dem Bewusstseinsstrom annähert. Und unter dem Schock des Verlassenseins entblößt sich diese Nadja emotional völlig, dabei auch vergessend, dass manche Liebeserfahrungen, die man halt so macht, wie einzigartig sie auch brennen und schmerzen mögen, niedergeschrieben doch nur Trivialliteratur ergeben: „Ich will mit dir essen. Ich will mit dir spazieren gehen. Ich will mit dir reden. Ich will mit dir schlafen. Vielleicht will ich auch mit dir weinen.“

          Der Kritiker in einem sagt: Solche Sätze sollten besser nicht in einem Roman stehen, sie sind dafür einfach nicht interessant genug. Der fühlende Mensch sagt: Ja, solche Sätze kann es geben, noch und noch. Schwieriger wird es schon bei anderen Sätzen, deren Kitsch und Klischeehaftigkeit dann doch kaum auszuhalten ist: „Zeitungen sind nichts für Träume“, sagt die Journalistin einmal, die Liebhaberin wiederum weiß: „Sex ist in der Vorstellung am schönsten.“

          Fast wie bei Janosch

          Dem Trivialen etwas Besonderes entgegenzusetzen versucht der Roman durch die Herkunft der beiden Liebenden. Er, Martin, um die fünfzig, ist ein in Frankfurt am Main geborener Jude, dessen Eltern Auschwitz überlebt haben. Sie, Nadja, ist eine Mittdreißigerin, die noch bis zu deren Untergang die DDR erlebt hat und diese nun als „das falsche Land“ bezeichnet. Aber das „richtige Land“, die Bundesrepublik Deutschland, ist auch Martin nie Heimat geworden, er leidet zudem an einer von den Eltern übernommenen Überlebendenscham. Somit fühlen sich beide Figuren heimatlos, und dieses Schicksal versucht die Erzählerin zu ändern mit einer poetischen Utopie: „Wir müssen unbedingt ein neues Land gründen! Unser Land. Bitte. Mit einem Tisch und zwei Stühlen, einem Bett und einem Schrank. Mehr brauchen wir doch nicht. Wie schön das klingt!“

          Jana Hensel: „Keinland“. Ein Liebesroman. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 196 S., geb., 20,– €.
          Jana Hensel: „Keinland“. Ein Liebesroman. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 196 S., geb., 20,– €. : Bild: Wallstein Verlag/dpa

          Ja, das klingt fast so schön wie im Kinderbuch von Janosch, doch während der Bär und Tiger ihr Traumland am Ende vor der Haustür finden, verrät bei Jana Hensel schon der Buchtitel, dass es für Martin und Nadja nur „Keinland“ gibt, nur den unverwirklichten Wunsch.

          In einen Rausch geschrieben

          Ein Großteil dieses Buches handelt davon, wie Nadja auf einer Reise durch das reale Israel versucht, Martins Geschichte und die der Juden überhaupt besser zu verstehen. Sie leistet Trauerarbeit in Yad Vashem, begegnet überall den Spuren des Holocaust und bleibt doch gefangen in ihrer Erfahrungswelt, wenn sie nahe Jerusalem feststellt: „Es roch wie in der Toskana.“ Umgekehrt beklagt sie, dass Martin sich für ihr Berlin nicht interessiere. Der Graben zwischen beiden bleibt zu tief. Nadja kommt nicht umhin, zu erkennen, dass „meine Leute seine Leute in den Tod geschickt haben“. Und in einer Schlüsselpassage, die fast wie ein Bühnenmonolog klingt, erklärt Martin, dass er sich als Verlorener fühlt, der nur in der Vergangenheit seiner jüdischen Vorfahren lebt und keine Zukunft hat.

          Dass Jana Hensels Buch dezidiert die Genrebezeichnung „Liebesroman“ trägt, soll wohl vor allem ein Signal an jene Leser sein, die sie als Journalistin und Sachbuchautorin („Zonenkinder“, 2002, „Neue deutsche Mädchen“, 2008) kennen, dass sie nun etwas anderes wagt. Auf der Suche nach einem literarischen Ton hat sich die Autorin offenbar in einen Rausch geschrieben.

          Aber vielleicht ist die Entblößung der Ich-Erzählerin inklusive der beschriebenen Banalitäten und stilistischen Redundanzen auch beabsichtigt. Dann wäre auch eine Lesart des Buches möglich, nach der Martin diese Erzählerin nicht nur deshalb verlassen hat, weil er selbst so verloren ist, sondern weil er es mit dieser Frau, die oft genug wie ein reichlich naives Girlie wirkt, einfach nicht mehr ausgehalten hat.

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