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Kalifornien-Roman : Was macht die Flocke, wenn es taut?

  • -Aktualisiert am

Doch, es gibt auch Schnee in Kalifornien: ein Postkartenmotiv des mysteriösen Fotografen Gabriel Gordon Blackshaw, um dessen Bilder der Roman "Winterjahrbuch" kreist. Bild: Gabriel Gordon Blackshaw

Von dunklem Blau ins tiefste Schwarz: Jan Wilms „Winterjahrbuch“ ist ein zitatreicher Monolog über den Schnee – und den Autor selbst. Bei dieser Lektüre sollte man wissen, worauf man sich einlässt.

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          Dieses Buch, so viel steht schon einmal fest, ist das dunkelste, traurigste Buch, das die deutschsprachige Gegenwartsliteratur in diesem Jahr bislang hervorgebracht hat. Der erste Satz lautet: „Die Träume sind tot, es gibt nur noch gestern.“ Und der letzte: „Wenn die Männer . . . kommen, um mit ihren Flammenwerfern den Schnee wegzutauen, dann könnten sie mich gleich mit fortbrennen, und es passierte niemandem ein Unglück.“ Wenn dieser Roman auf seinen mehr als 450 Seiten eine Entwicklung nachzeichnet, dann ist es eine Entwicklung in Nuancen, nämlich von einem dunklen Blau in ein tiefes Schwarz, vom Gehenlassen aller Hoffnungen in einen lebensverachtenden Nihilismus. Man sollte wissen, worauf man sich mit dieser Lektüre einlässt – es wird ja auch bald Herbst.

          Jan Wilm, der als Literaturwissenschaftler, Kritiker und Übersetzer arbeitet, ist nicht bloß der Autor dieses Buches (seines Romandebüts übrigens), sondern auch sein Erzähler. Eine knausgårdische Beglaubigungsgeste verbindet sich damit aber nicht: Das Ich wird in diesem Buch als sprachliche Hervorbringung betrachtet, weshalb das leibhaftige und das literarische Ich ein Kontinuum zwischen Fakt und Fiktion bilden. Der Erzähler schildert diese Auffassung ganz unaufgeregt, was daran liegen mag, dass sie zum intellektuellen Grundbestand der Moderne gehört: „Ich hätte mich manchmal gern gefragt, ob ich anders leben könnte als in Sprache, als in einer einzigen Ich-Sprache.“ Anders im Ton, aber kaum im Gehalt, haben es schon Nietzsche, Hofmannsthal und Rilke formuliert.

          Kann man anders leben als in einer Ich-Sprache? Jan Wilm

          Der Roman erzählt von einem Jahr im Leben des Jan Wilm, einem „Philologen“, wie er sich selbst bezeichnet, der in Los Angeles ein Buch über den Schnee schreiben will. Die Grundlage hierfür soll der im Getty Center archivierte Nachlass des Schnee-Fotografen Gabriel Gordon Blackshaw sein – eine durch und durch enigmatische Künstlerfigur. Zugleich gibt es aber auch persönliche Gründe für den Aufenthalt in Kalifornien, nämlich einerseits das Ende einer Liebesbeziehung, das es in der Ferne zu überwinden gilt, und andererseits die bevorstehende Arbeitslosigkeit in Deutschland, die sich durch den Forschungsaufenthalt noch etwas hinauszögern lässt.

          Während seiner Zeit in L.A. gelingt es Jan Wilm eher selten, sich ins Getty aufzumachen, wo er dann unkoordiniert in den Blackshaw-Papieren herumforscht. Die meiste Zeit verbringt er einsam und gelangweilt in seiner „Casita“ mit Netflix und Bier. Und dann gibt es noch einige Frauen, die sich auf ihn einzulassen bereit sind, eine von ihnen sogar ernsthaft, also über das Sexuelle hinaus, von dem in diesem Buch häufig und explizit, bisweilen auch ekelästhetisch die Rede ist.

          Liebe und Wissenschaft

          In diesen rudimentären Erzählrahmen sind ausführliche Reflexionspassagen eingefügt, die aus dem „Winterjahrbuch“ streckenweise einen Ideenroman machen. In ihnen geht es um alles Mögliche, vor allem aber um die für den Erzähler höchst prekären Fragen nach der Liebe und der Erinnerung, nach der Sprache, dem Schreiben und der Wissenschaft, die sich eiskristallartig mit dem Leitmotiv des Schnees verbinden. Das klingt dann beispielsweise so: „Menschen, die Menschen mit Schneeflocken vergleichen, haben keine Achtung vor Menschen und keine Ahnung von Schneeflocken. Ich bin wie eine Schneeflocke? Ich bin wahrscheinlich nicht einmal wie ich.“

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