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Jan Wagners Gedichtband : „Regentonnenvariationen“ und das Vergängliche der Seife

  • -Aktualisiert am

Jan Wagner: „Regentonnenvariationen“. Gedichte. Hanser Berlin Verlag, München 2014. 102 S., geb., 15,90 Euro. Bild: Hanser Berlin Verlag

Die Sehstücke des Jan Wagner: Sein Gedichtband „Regentonnenvariationen“ findet auf einfachen Wegen zur größten Meisterschaft.

          Könnte man Poeten auf Grund jener Sinneswahrnehmung charakterisieren, von der aus sich ihr Schreiben entfaltet, dann wäre Jan Wagner ein Dichter des Blicks. Es gibt Autoren, deren Schreiben setzt bei einem besonderen Klang ein, bei einem eigenartigen Geruch, einem charakteristischen Geschmack oder bei einer eindrücklichen Berührung, aber Jan Wagner fallen die Gegenstände seiner Dichtung ins Auge. Daher dominieren in seinen Gedichten die Wortfelder der Optik: Die Dinge „erscheinen“, spiegeln sich wider, lösen sich in Unschärfe auf. Umgekehrt fordern seine Gedichte zum Sehen. „Du kannst sie dort sehen“, „du kannst sie dort betrachten“ sind charakteristische Wendungen der Texte an ihre Leser, um Einsichten, Ausblicke und Perspektivwechsel zu vermitteln.

          Jan Wagners Gedichte sind Sehstücke, Beobachtungsepiphanien von Gegenständen, die eine genaue poetische Betrachtung einfordern. Um sich auf diese häufig alltäglichen Dinge einzulassen, braucht es handwerkliche Übung, Geduld, Zeit und Ruhe. Es ist kein Zufall, dass eines der wichtigsten poetologischen Gedichte des Bandes, mit dem Titel „die tassen“, dem extrem zurückgezogen lebenden Töpfer Jan Kollwitz gewidmet ist. Es erzählt von unzähligen Tassen, welche der Meister begutachtet, kommentarlos zerstört, um schließlich eine als „Schale“ bestehen zu lassen und auszuzeichnen. Ob Autorschaft heute eine elaborierte geistige Fokussierung braucht? Man muss sich zumindest nicht dagegen entscheiden. Eines aber ist klar: Jan Wagners neuer Gedichtband ist keine der Tassen, sondern eine Schale.

          Es war früh klar, dass Wagner ein außergewöhnlich begabter Dichter ist. Schon vor seiner ersten Veröffentlichung, „Probebohrung im Himmel“ (2001), hatte er sich als Übersetzer einen Namen gemacht. Selbst die größten Skeptiker gestanden Wagner zu, dass er „seinen Weg machen“ werde. Einmal abgesehen davon, ob es den Weg eines Poeten gibt, geht Jan Wagner in den fünf Bänden seither seiner eigenen Wege. Ein Ziel sollte man da nicht ausmachen wollen, aber sein jetziger Band dürfte doch manche selbstgestellte Aufgabe an die eigene Poesie eingelöst haben.

          Wer den Blicken in Jan Wagners neuestem Buch folgt, schweift mit ihnen über Landschaften, durchstreift Gärten, Wohnungen oder Vitrinen und vertieft sich in Bilder oder Erinnerungen. Obwohl es auffällig viele Gedichte über einzelne Tiere, Pflanzen oder Alltagsgegenstände gibt, lässt sich nicht genau bestimmen, an welchem Phänomen sich Wagners Blick bevorzugt verfängt. Jedes Gedicht eröffnet seine eigene Welt. Die Sprache, die das Tor zu diesen Welten aufstößt, ist einfach gehalten. Das Einfache wird einfach gesagt, um es damit auf den Punkt zu treffen. Die Gedichte verzichten auf hochgeschraubte Avantgardeallüren. Sie wollen Einladungen an ihre Leser sein. Wagners Gedichte verstehen sich daher eher einer amerikanischen als einer deutschsprachigen Tradition zugehörig, obwohl sich über Brecht, Brinkmann, Brasch ebenfalls eine nicht nur alliterative Reihe eröffnen ließe.

          Aber sind Gedichte über Tiere und Pflanzen, die Gedichtformen wie Oden, Sonette oder wie im Fall der titelgebenden „Regentonnenvariationen“ japanische Haikus pflegen, vor lauter Gegenwartsscheu überhaupt auszuhalten? Wagner hat eben eine eigene Art, die Gegenwart zu erkunden. Seine Lyrik bedient sich weder bei neuesten Phänomenen noch am aktuellen Sprachgebrauch; kein Vokabular der Digitalisierung, der politischen Situation, der Neurobiologie oder Hirnforschung, nicht einmal die großen Namen der Weltöffentlichkeit. Immerhin setzt das Gedicht „die tennisbälle“ mit der treffenden Erinnerung an „die ära von borg und mäckenroh“ ein.

          Variantenreicher als erwartet fällt Regen in eine Tonne.

          Wagner spart das Neueste vom Neuen aus, weil es ihm um eine andere Betrachtungsweise geht. Er fragt nicht nach der Funktion seiner poetischen Gegenstände, sondern nach deren Charakter. Zum programmatischen Kern dieses Bandes ist eine Aussage von Lars Gustafsson geworden, die Wagner in einem Essay zitiert hat. Gustafsson wurde gefragt, warum er keine aktuelle Maschine in sein Gedicht „Die Maschinen“ aufgenommen habe, und er antwortete: „Mit voller Absicht. Was mich hier interessierte, das sind nicht die Maschinen selbst: Es ist ihre mechanische Natur. Nicht ihre Funktion, sondern ihr maschineller Charakter. Dieser schwer bestimmbare Zug aber tritt an Maschinen, die veraltet oder Kuriosa geworden sind, deutlicher hervor als an jenen, die uns heute umgeben.“

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