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Jan Knopf: Bertolt Brecht : Er kam nicht aus den schwarzen Wäldern

  • -Aktualisiert am

Brecht brauchte Gesellschaft, vor allem im kalifornischen Pacific Palisades, wo er mit Lion Feuchtwanger (rechts) an den „Visionen der Simone Machard“ arbeitete Bild: akg

Von der Freundschaft zum Werk in die Gegenwart: In einer umfangreichen Biographie von Bertolt Brecht versucht Jan Knopf, die nie versiegende Aktualität des großen Schriftstellers zu ergründen.

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          In den ersten Jahrzehnten der beiden neu gegründeten deutschen Staaten und in den hohen Zeiten des Kalten Krieges war Bertolt Brecht eine Reizfigur und als solche deutlich über das literarische Milieu hinaus bekannt. Im Weststaat war die Frage heißumstritten, ob man seine Stücke überhaupt spielen dürfe, und ein deutscher Außenminister verglich seine späte Lyrik mit dem Horst-Wessel-Lied, wobei besonders die scheinbare Präzision, von der späten Lyrik zu sprechen, den Urheber des Vergleichs entlarvte. Brechts späte Lyrik, das sind vor allem die „Buckower Elegien“, und diese haben mit dem Marschrhythmus des besagten Naziliedes wahrlich nicht das Geringste zu tun. So wurde ungewollt deutlich, dass Herr von Brentano, der Außenminister mit der Herkunft aus einer literarischen Familie (sein Bruder Bernard wollte mit Brecht zum Ende der Weimarer Zeit eine Zeitschrift herausgeben), vermutlich nie eine Zeile von Bert Brecht gelesen hat.

          Im Oststaat dagegen, wo Brecht wohnte und Theaterarbeit machte, ausgestattet mit der österreichischen Staatsbürgerschaft, war er keineswegs so privilegiert, wie mancher sich das gern ausmalte. Dass zum Beispiel das Berliner Ensemble, seinem Ruhm und seinen auch internationalen Erfolgen zum Trotz, erst spät eine feste Spielstätte erhielt und dass es in der SED-Spitze durchaus Überlegungen gab, es ganz zu schließen, war wenig bekannt. Was stattdessen hängenblieb, war Brechts angebliche Ergebenheitsadresse an Ulbricht nach dem 17. Juni 1953, ein Eindruck, der auf einer radikalen Kürzung und damit Fälschung des Briefes beruhte, den er an den SED-Chef geschrieben hatte.

          Die Ursache für Brechts Erfolg

          Inzwischen gibt es nur noch einen deutschen Staat, und der Kalte Krieg ist durch zahllose heiße abgelöst worden. Missionarischer Antikommunismus ist heute eher eine Spezialität von Gedenkstättenleitern und ansonsten weitgehend verschwunden. Mit ihm scheint auf den ersten Blick aber auch Brecht verschwunden und kein Gegenstand einer erneuerten Rezeption mehr zu sein. Gern einigt man sich auf die Formel, er habe unbestritten einige der schönsten Gedichte der deutschen Sprache geschrieben, und das war es dann.

          So geht es jedoch nicht, will Jan Knopf mit seiner neuen Biographie uns sagen, laut Klappentext der ersten seit dem Mauerfall, und natürlich ist es auch keineswegs so, dass Brecht bei uns und anderswo wie ein toter Hund behandelt wird. Dazu war diese Gestalt viel zu groß, auch wenn sie selbst es mit den „großen Männern“ nicht so hatte.

          Klaus Modicks im vergangenen Jahr erschienener Feuchtwanger-Roman „Sunset“ etwa ist fast ebenso sehr ein Brecht-Roman geworden wie einer über seinen Mentor. Entgegen landläufiger Meinung werden Brechts Stücke auch nach wie vor gespielt, und zwar auf der ganzen Welt, und sind gerade bei jungen Regisseuren beliebt. Das ist leicht erklärlich: Brecht war vor allem anderen ein Theatermann und Theaterpraktiker, und seine Stücke bieten anderen Theaterpraktikern so viele verschiedene Möglichkeiten der Gewichtung und Umsetzung, dass sie sich gern daraufstürzen.

          Mit der Fähigkeit zur Selbstkritik

          Als Mitherausgeber der Großen Berliner und Frankfurter Ausgabe Brechts und als Leiter der „Arbeitsstelle Bert Brecht“ an der Universität Karlsruhe ist Jan Knopf selbstverständlich ein Experte ersten Ranges, wenn es um eine zeitgenössische Biographie des Augsburger Stückeschreibers geht. Sein Ansatz ist zunächst lebensgeschichtlich betont. Nicht umsonst trägt das Buch den Untertitel „Lebenskunst in finsteren Zeiten“. Nun muss man als Biograph ja immer mit Herkunftsgeschichten anfangen, in diesem Fall also mit der durchaus bürgerlichen Herkunft des Eugen Berthold Brecht; selbst in den Zeiten des Ersten Weltkrieges litt die Familie nicht wirklich Not.

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