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James Meek: Liebe und andere Parasiten : Wenn unsere E-Mail-Postfächer alle Kontakte versenden

  • -Aktualisiert am

Bild: DVA

Loyalität als Erblast: James Meek hat einen rasanten, zeitgenössisch moralischen Roman geschrieben, in dem Betrug und Liebe zwei konkurrierende Impfstoffe gegen die Sterblichkeit sind.

          Was ist das Ende der Menschheit? Klimakollaps, Atomunfall, Pandemie, Meteoriteneinschlag? Alles richtig, alles möglich, aber es gibt eine näherliegende Antwort: Das Ende der Menschheit ist da, sobald sich unsere kompletten E-Mail-Postfächer an sämtliche Kontakte versenden - was die NSA nun leicht arrangieren könnte. Alle Lästereien und Affären kämen ans Licht, alle Eitelkeiten und Copy-and-Paste-Liebesbriefe, wobei Notlügen aus Zuneigung sich möglicherweise fataler auswirkten als Taten aus Niedertracht oder Schwäche. Geheimnisse jedenfalls sind mehr als Rücksicht, sie sind die Grundbedingung des Zusammenlebens: Keine Behausung ohne Fassade.

          In James Meeks raffiniertem Familienroman (mit idiotischem deutschen Titel), der sich auf einer Umlaufbahn um die Schwerkraftzentren Wissenschaft, Glaube und Medien bewegt, aber im Kern von überzeitlichen Werten handelt, geschieht etwas dieser Mail-Apokalypse ganz Ähnliches, nur dass der ehemalige Boulevardzeitungschef Val Oatman - eine Murdoch-Karikatur - nicht die NSA ist und mithin nur über begrenztes Wissen verfügt (weshalb die Menschheit gerade so überlebt). Dieses Wissen hat Oatman dafür auf noch viel perfidere Weise erworben: Seine „Moral Foundation“ deckt (vermeintliche) moralische Verfehlungen englischer Prominenter auf, gibt allerdings vielen von ihnen vor der Veröffentlichung die Möglichkeit, sich durch das Denunzieren ihrer Bekannten selbst zu retten, nicht ahnend, dass der selbsternannte Wächterrat schließlich auch das Denunzieren öffentlich machen wird. Wer Schuld hat, der wirft den Stein besonders heftig.

          Kann man heute ohne Schuld auskommen?

          Wie aber lässt sich Schuld hier überhaupt genau verorten? Kann man heute ohne Schuld auskommen? Aus zahlreichen Perspektiven nähert sich das Buch dieser Frage an. Der Parasit, so heißt es einmal über diese vielfach aufgenommene Leitmetapher, bringe einer fremden Umgebung den Tod, aber er selbst sei tapfer, wolle nur leben und sich vermehren. Nicht viel anders scheint es sich mit dem Begehren zu verhalten. Weil der Parasit hier wie bei Michel Serres zugleich das stabilisierende Dritte darstellt, könnten moralische Schwächen manchmal auch dem Leben dienen: ganz direkt zu sehen bei jenem wohlmeinenden Betrug, der zu dem gewünschten Kind führt, das anders nicht zustande kam.

          Ist das Verhalten des vorbildlichen Captain Shephard also gar kein Richtwert? Der britische Soldat gab selbst unter der Folter durch irische Untergrundkämpfer den Namen eines Verräters nicht preis, was er mit dem Leben zahlte. Seine Kinder, zurückgelassen, arbeiten sich an diesem Ehrenkodex ab, der sie lähmt und animiert: Sie wissen, dass sie sich moralisch erst auf Augenhöhe befinden, wenn sie dem Mörder vergeben, aber dies müsste das Herz ihnen eingeben, nicht Berechnung und Verstand.

          Schlüssel zur Unsterblichkeit

          Meek, lange Zeit als Journalist und Russland-Korrespondent für den „Guardian“ tätig, in den vergangenen sechs Jahren aber vornehmlich als Romanautor hervorgetreten, liebt den verspielten Realismus der großen klassischen Erzähler (diesmal finden sich beispielsweise Anspielungen auf Tolstois „Tod des Iwan Iljitsch“), den er freilich auf höchst zeitgenössische Themen lenkt: Castingshows, Biowissenschaft, Rockmusik. Seine schon für den Booker-Preis nominierten Bücher sind lebensnah, vielsträngig, in Teilen kolportagehaft dahinplaudernd, dann wieder anregend philosophisch oder treffend satirisch, stets jedoch sehr genau recherchiert, auch wenn der Autor die Wirklichkeit gern überschreitet. Im vorliegenden Fall etwa entdeckt ein Humangenetiker „Expertenzellen“, die, genetisch manipuliert, zur Heilung einer seltenen Krebsart taugen könnten. Harry Comrie selbst erkrankt jedoch an Krebs, und sein noch genialerer Neffe Alex führt die Forschungen fort. Er lässt sich hinreißen zur vollmundigen, von der Gesellschaft gierig aufgenommenen Andeutung, den Schlüssel zur Unsterblichkeit gefunden zu haben: Da hat er die Grenze zum Glauben überschritten.

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