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Jamaica Kincaid: Damals, jetzt und überhaupt : Im Licht der Lebenslügen

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Jamaica Kincaids fulminanter Roman „Damals, jetzt und überhaupt“ zeigt einmal mehr, dass sich die Autorin smeisterhaft darauf versteht, die Schwierigkeiten postkolonialer Selbstfindung zu explizieren.

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          Was ist schlimmer als das Gefühl, dass die Partnerin oder der Partner einen nicht mehr liebt? Es ist der Moment, wenn die oder der andere sagt, das Gegenüber nie geliebt zu haben. Was für sicher gehalten wurde, zerfällt, das Misstrauen wächst, das bisherige Leben, die gemeinsame Vergangenheit erhält ein neues Etikett. Quälende Fragen tun sich auf: War das Zusammensein von vornherein zum Scheitern verurteilt? Wann wäre die fatale Entwicklung vielleicht noch zu stoppen gewesen? Und inwiefern sind Freundschaften, die durch die Liebesbeziehung entstanden, nun umzudefinieren? Mit einer solchen Lebenskrise beschäftigt sich Jamaica Kincaid in ihrem faszinierenden neuen Roman.

          Zehn Jahre hat die 1949 auf der Karibikinsel Antigua geborene Autorin sich Zeit gelassen, ihrem Œuvre ein weiteres Schmuckstück hinzuzufügen. „Damals, jetzt und überhaupt“, dessen englisches Original im Frühjahr unter dem Titel „See Now Then“ erschien, ist der fünfte Roman einer Frau mit einer erstaunlichen Karriere.

          Scharfe Kritik am kolonialen Erbe Nordamerikas

          Die arme Mutter schickte die Sechzehnjährige als Au-pair-Mädchen in die Vereinigten Staaten.Auf ein kurzes Abendstudium folgte die freie journalistische Tätigkeit für Teenagermagazine, bevor William Shawn, der legendäre Chef des „New Yorker“, Kincaid unter Vertrag nahm und ihr Talent für literarisches Schreiben förderte. Sie blieb dem Magazin zwanzig Jahre eng verbunden, heiratete einen Shawn junior, gebar zwei Kinder, wurde unter anderem Professorin in Harvard, ließ sich scheiden. Mit Prosabüchern, die in Art wie Umfang unterschiedlich sind, wurde sie zur wichtigsten weiblichen Stimme der anglophonen karibischen Literatur. Hinzu kamen historisch ausgerichtete Bücher, die kunstvoll zwischen Essay, Reisebuch und Manifest changieren.

          Die großen Romane – darunter „Annie John“ (auf Deutsch 1989 erschienen), „Lucy“ (1991) und „Die Autobiographie meiner Mutter“ (1996) – haben insgesamt ein geteiltes Echo hervorgerufen. Viel Lob erhielt stets die Fähigkeit der Hochbegabten, das Aufeinandertreffen diverser Kulturen in der Heimat (Antigua wurde erst 1981 von England unabhängig) oder in der Fremde facettenreich und humoristisch darzustellen. Vornehmlich in Übersee kritisierte mancher freilich die Schärfe, mit der die Stieftochter eines Zimmermanns das koloniale Erbe und die nordamerikanische Gesellschaft gern zeichnet. Kincaids Wahrnehmungen der Verhältnisse zwischen Staaten, Rassen, Klassen, Generationen und Geschlechtern sind jedoch genauso nachvollziehbar wie das, was sie empfindet oder schildert.

          Mitreißender kultureller Austausch

          Das gilt auch für „Damals, jetzt und überhaupt“. Darin begegnen wir Mrs. und Mr. Sweet, einem Paar jenseits der Fünfzig, das in einem Nest im Vermont der Gegenwart die letzten Ausläufer einer Zuneigung erlebt, die eventuell bloß einseitig war. Wenn Mrs. Sweet, die einst auf einem „Bananendampfer“ aus der Karibik in die Vereinigten Staaten gelangte, das Gebäude einer langjährigen Ehe einstürzen sieht, der zwei inzwischen fast erwachsene Kinder entsprungen sind; wenn Zweifel und Abwehr aufkommen gegenüber den frustrierenden Äußerungen eines frisch anderweitig verliebten Gatten; wenn angenehme Erinnerungen an eine gemeinsam verbrachte Zeit sich als Illusionen erweisen: Dann ergießen sich unendliche Gedankenströme über absatzlose Seiten; dann stemmt sich höchstens ab und an ein Semikolon gegen die Buchstabenfluten; dann mischen sich Ansichten, Einsichten, Aussichten zu einer vollmundigen Ode an die Leere.

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