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Jakob Arjouni: Cherryman jagt Mr. White : Da blüht uns was

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Bild: Verlag

Jakob Arjouni bekämpft Neonazis mit Superhelden. Sein neuer Roman spielt rechtsextremistische Szenarien durch, die wahrscheinlich realer sind, als man glauben mag. Ein Buch als literarisches Korrektiv fürs gängige Gesellschaftsbild.

          Mr. White ist ein Superschurke. Man kann ihm die Augen ausstechen, ihn ins Feuer werfen, mit einem Maschinengewehr auf ihn schießen. Oder man spießt ihn, wie der Superheld Cherryman, mit spitzen Ästen auf und schmeißt ihn in eine Müllpresse. Weil Mr. White aber ein Quallenmensch ist und ihm ein winziges Gewebeteilchen reicht, um sich wieder zu regenerieren, wird man ihn einfach nicht los.

          So wie man auch die braune Gesinnung im Land nicht loszuwerden scheint. In Sachsen-Anhalt und Brandenburg sind Rechtsextremismus gang und gäbe, der harte Kern der Neonazis wächst dort laut Verfassungsschutzbericht weiter an. Aber auch in Berlin sind die Faschisten aktiv; die Autonomen Nationalisten zum Beispiel, eine hochaggressive und aktionsorientierte Gruppierung, rekrutiert fleißig Mitglieder. Hatte man dieses Milieu in der allgemeinen Panikmache vor radikalen Kopftuchträgern weitgehend vergessen, präsentiert nun ein bestens integrierter Deutschtürke das literarische Korrektiv fürs gängige Gesellschaftsbild.

          Das Leben ahmt die Kunst nach

          Mr. White: So nennt Rick, der Held von Jakob Arjounis neuem Roman, seinen Gegenspieler. Eigentlich heißt der Mann Pascal; er ist ein höflicher Mittdreißiger, der grundsätzlich im Anzug in Erscheinung tritt. Nur seine schmutzigen Fingernägel passen nicht recht ins Bild, „als sei tief in ihm drin etwas, das sagt: Ich geb' der Welt eine Chance. Wer genau hinguckt, bekommt die Wahrheit.“ Und die lautet: Pascal wirbt Handlanger für den so genannten Heimatschutz, eine als Sozialverband getarnte Nazigruppe, an. Rick erhält die ersehnte Lehrstelle in der Hauptstadt bei einer klandestin von Nazis geführten Gärtnerei. Im Gegenzug soll er den angrenzenden jüdischen Kindergarten beobachten.

          Kann man sich so einen Deal schönreden? Müsste man da nicht schon die Behörden einschalten? Nicht, wenn man in Storlitz, einer (fiktiven) brandenburgischen Kleinstadt, aufgewachsen ist, mit Tankstellenbesäufnissen als sozialen Highlights und Mitschülern, die Berlin als „schwules und verjudetes Zeckennest“ bezeichnen. Rick will raus, weg von Mario, dem Zyniker mit den Hakenkreuzohrringen; weg von Heiko, dem gewaltgierigen Schläger, und Vladimir, der Antisemitismus als intellektuelle Glanzleistung verkennt. Natürlich weiß Rick, dass es am Ende nicht nur darum gehen wird, ein paar rassistische Flugzettel über den Kindergartenzaun zu werfen. In seinen Comics nimmt er deshalb jenen Showdown vorweg, der Mr. White und Cherryman, den ehrenhaften Kirschbaumhelden, zum tödlichen Zweikampf zwingt. Das Leben ahmt die Kunst nach, deshalb muss sich Rick tatsächlich entscheiden: ein Terrorattentat verüben oder dem braunen Spuk ein für allemal ein Ende bereiten.

          Fiktion in der Fiktion

          Aus der Perspektive antifaschistischer Pädagogik hat Arjouni ein nihilistisches Buch geschrieben. Die Frage, wie man als Demokrat auf Menschen reagiert, die sich zutiefst undemokratisch verhalten, wird mit der Kettensäge beantwortet. Die Postwendezeit und ihre demontierten Gemeinwesen, ausgemalt mit den Mitteln der Kolportage: So entsteht ein Szenario, das vielleicht sehr viel realer ist als die vielbeschworene deutsche Selbstabschaffung. In den ostdeutschen Käffern mag die Generation der Fünfzig- bis Sechzigjährigen den Antifaschismus noch ausreichend verinnerlicht haben, um die NPD nicht zu wählen, aber dies gilt kaum mehr für die nachwachsende Generation. Die Braunen kamen in Sachsen-Anhalt zwar nicht in den Landtag, die Wählerschaft unter dreißig aber lag bei stattlichen zwölf Prozent. Diese lost generation begegnet uns in „Mr. Cherryman“, und Rick ist ihr tapferer, aber zugleich resignierter Vertreter.

          Oder kam es gar nicht zum blutigen Finale? Ist Ricks Geschichte einfach der überbordende Selbstentwurf eines Jugendlichen, der begriffen hat, dass es in seiner Welt Lehrstellen nur für national gesinnte Volksgenossen gibt? Für diese Lesart spricht die Erzählkonstruktion, denn Rick erzählt die Story dem Psychatriearzt Dr. Layton. Wo soll es einen Spezialisten solchen Namens geben? Er könnte eine Fiktion in der Fiktion sein, die Konstruktion eines emphatischen Gegenübers, ausgedacht von einem Menschen, der in die Enge getrieben ist.

          Dann wären wir in der Rolle dieses Nervenarztes, der zuhört und begreift: Die Feinde unserer Gesellschaft wachsen womöglich weniger in Moscheen heran als in deutschen Gärtnereien.

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