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Jackie Thomaes Roman „Brüder“ : Keine Trommeln zu mögen reicht nicht

Mittelgroße Begeisterung für realexistierenden Sozialismus: Studenten der Universität Jena beim „Deutschlandtreffen der Jugend für Frieden und Völkerfreundschaft“, 1964. Bild: Picture-Alliance

Zwei junge Männer zwischen Senegal und der DDR: Jackie Thomaes Roman „Brüder“ betreibt ein großartiges Spiel mit Klischees.

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          Verrisse schreiben sich sprachlich immer rasant runter, aber wenn es was zu loben gibt, dann steht man vor Wörtern wie „lebensklug“ und „welthaltig“ und zuckt zurück, weil sie so abgeschmackt klingen und man das jetzt wirklich nicht ernsthaft aufschreiben will. Und Vergleiche helfen auch nicht weiter. Aber irgendwie muss man die Sache ja angehen, also: Jackie Thomaes zweiter Roman „Brüder“ weiß ziemlich viel über das Leben und die Welt zu erzählen und kann in wenigen Sätzen Szenen und Figuren anlegen, dass man mit den Ohren schlackert, wie da durch präzise skizzierte finanziell scheiternde Berliner Clubs und Resorts in Thailand und chinesische Großbaustellen galoppiert wird, als wäre es nichts. Und wie da über Hautfarben und deren Zwischentöne geschrieben wird, die mit der Handlung auf den ersten Blick nicht viel zu tun haben, aber an denen niemand so recht vorbeikommt, das hat man in dieser Subtilität zuletzt bei Zadie Smith gelesen.

          So, da ist er, der Vergleich, es wundert einen, dass er nicht schon viel früher irgendwo gefallen ist. Er liegt auch auf der Oberfläche so nahe: Die eine Autorin jamaikanisch-britisch, die andere mit einer ostdeutschen Mutter und einem Vater aus Guinea, beide aufgewachsen in Europa. Aber die Sache geht tiefer, denn beide, Smith wie Thomae, haben sich für das Prinzip des Erzählens entschieden und füllen ihre Bücher mit überbordenden, fiktionalen Biographien, beide haben ein Händchen für und einen sehr genauen Blick auf Lebensläufe und Zeitgeistumstände und einen Humor, der nie ins Zynische kippt – um jetzt nicht auch noch das fürchterliche Wort „warmherzig“ zu verwenden, auch wenn es die Sache trifft.

          Wenn die Juristin Drogen schmuggelt

          Jackie Thomae hat bereits mit ihrem Debüt, dem Trennungsreigen „Momente der Klarheit“ gezeigt, dass sie sich in Figuren hineinfinden kann, die in immer neuen Konstellationen übereinander nachgedacht haben und aneinander gescheitert sind. In „Brüder“ nun kommen noch ein paar Dimensionen hinzu: weniger Figurenreigen, mehr Welt. Der senegalesische Vater der titelgebenden Brüder studierte in der DDR Medizin und wurde Zahnarzt. Er war kein Einzelfall, Angehörige soeben unabhängig gewordener afrikanischer Staaten waren im realexistierenden Sozialismus sehr willkommen, denn vielleicht konnte man die junge Elite ferner Länder von seinen Vorzügen überzeugen. Idris, so heißt der Vater, überzeugte sich zunächst von den Vorzügen der ostdeutschen Frauen und zeugte zwei Jungen, Mick und Gabriel. Soweit die Ausgangslage.

          Die Autorin Jackie Thomae.

          Diese beiden leben ziemlich unterschiedliche Leben. Mick trudelt durch die neunziger Jahre und durch das Berliner Nachtleben, das mittlerweile ein gesamtdeutsches ist, denkt nicht allzuviel über irgendwas nach und hat etwas seltsame Freunde, vermutlich die falschen. Er fährt oft im Taxi durch die Nacht, telefoniert, um irgendetwas oder irgendjemanden ranzuschaffen und zieht durch die Betten. Er sieht gut aus und weiß es auch, denn er hat hart daran gearbeitet. In der Juristin Delia, einer Frau aus gutem Hause, findet er überraschenderweise eine Partnerin in crime, wortwörtlich, sie schmuggelt mit ihm sogar Drogen, so richtig interkontinental, im Flugzeug. Die völlig aus dem Ruder laufende Drogenschmuggelszene kommt ziemlich am Anfang vor und ist wirklich ein herrlich hysterischer Slapstick; wer sich da nicht in dieses Buch verliebt, dem ist nicht mehr zu helfen. Denn auch das haben Jackie Thomae und Zadie Smith gemeinsam: Sie können überzeugend über halbstarke Bengel schreiben, die demnächst Ärger an den Hals bekommen, und zwar so, dass sich in keinem Moment ein gouvernantenhafter Zeigefinger hebt, eher hört man eine leise Belustigung heraus, als hätte die Autorin beim Schreiben still in sich hineingekichert. Die Rezensentin zumindest kicherte haltlos.

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