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Jackie Thomaes Roman „Brüder“ : Keine Trommeln zu mögen reicht nicht

Gesprengte Abendessen im südfranzösischen Ferienhaus

In der zweiten Hälfte wird das Buch dann erwachsen, denn es ist Gabriel gewidmet, dem anderen der beiden Brüder. Gabriel ist hoch seriös, lebt in London und ist ein erfolgreicher Architekt. Im Wechsel mit seiner Frau Fleur erzählt er seine Geschichte, und Fleur beschreibt ihn so: „Gabriel richtete sein gesamtes Lebenskonzept darauf aus, keine Stereotypen zu erfüllen. Dafür fuhr er eine beeindruckende Ansammlung an Gegenklischees auf“, also eine Vorliebe für klassische Musik, konservative Kleidung, ein betont unkumpeliger Umgang mit Menschen, die ihn nicht interessieren, und das sind die meisten. „Keine Trommeln zu mögen macht aus dir keinen Weißen, Gabriel“, rutscht es Fleur einmal heraus, und sie trifft ihn damit hart, denn Gabriel ist sehr damit beschäftigt, seine eigene Hautfarbe zu ignorieren. Er schafft es ja kaum, sich für seine deutsche Herkunft zu interessieren, wie soll ihm da etwas an diffusen afrikanischen Wurzeln liegen?

Jackie Thomae: „Brüder“. Roman. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2019. 416 S., geb., 23 Euro.

Auch wenn in dieser zweiten Hälfte keine koksgefüllten Kondome mehr geschluckt werden, ist sie nicht minder unterhaltsam, denn Gabriel hat einen reichlich misanthropischen Blick auf das Milieu, das er sich selbst ausgesucht hat und dann doch nur selten erträgt. Er sprengt Abendessen im südfranzösischen Ferienhaus mit Meinungen zu Kindererziehung und hadert mit der Vorliebe seines Sohnes Albert für sein Schlagzeug („Kann er nicht ein schöneres Instrument lernen?“). Er bemüht sich, alle englischen Mittelklasseklischees zu erfüllen, und rennt im entscheidenden Moment doch immer wieder dagegen an. Er arbeitet zu viel, und irgendwann kommt es zu einem Kurzschluss, der ihn aus der Bahn seines geregelten Lebens wirft.

Auf den ersten Blick haben die beiden Brüder, die eigentlich Halbbrüder sind, eine sehr ähnliche Ausgangsbasis, und doch entwickeln sie sich so völlig unterschiedlich. Denn am Ende kommt es womöglich darauf an, auf welche Menschen man zufällig stößt, welches Temperament man mitbringt und ob man eigentlich weiß, was man will. Diese ganzen Lebensdinge eben. Gabriel weiß es sehr früh und setzt es mit einiger Konsequenz um, Mick braucht etwas länger. Und so geht es am Ende doch wieder nicht um Hautfarben, sondern um die Biographie zweier junger Männer, die eben sehr verschieden sind und sich nur durch genetische Zusammenhänge zufällig ein wenig ähneln und aus der Masse der Menschen herausstechen, die sie umgeben. So wichtig ist Genetik ja wirklich nicht. Dass diese „Brüder“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stehen, ist jedenfalls hochverdient.

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