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J.M. Coetzee: Schande : Der Schock darüber, gehaßt zu werden

Bild: Fischer

Gewalt in Südafrika: John Marie Coetzees düsterer Roman ist eine Beschreibung der Natur des Menschen und ihres individuellen Scheiterns. „Schande“ ist kein tröstliches, sondern ein zutiefst beunruhigendes Buch.

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          Besonders schön ist Lucy Lurie nicht. Aber „eine nette junge Frau“, eine Weiße von etwa Mitte zwanzig, die nach einigen Eskapaden Tritt gefasst hat im Leben. Mit Vaters Hilfe konnte sie eine kleine Farm in Südafrikas Kap-Provinz erwerben: „Jetzt ist sie hier, geblümtes Kleid, barfuß und so, in einem Haus, das nach gebackenem Brot riecht, kein Kind mehr, das sich als Bäuerin verkleidet, sondern eine richtige Landfrau.“ Zugenommen hat sie in letzter Zeit, besonders um die Hüften. Und sie ist lesbisch, lebt aber allein: Helen, ihre Gefährtin, hat sich jüngst davongemacht. „Sapphische Liebe: eine Ausrede fürs Dickwerden“, lautet der ironische Kommentar ihres so liberalen wie fürsorglichen Vaters, der den Kommentar deshalb für sich behält.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Auch er hat schwer wiegende Probleme. Man hat ihm seine Professur für Kommunikationswissenschaften in Kapstadt entzogen, ihn unehrenhaft aus der Universität entlassen. „Verfolgung oder Bedrohung von Studenten durch Mitglieder des Lehrkörpers“: so hatte die Anzeige gelautet. David Lurie hatte sich sofort für schuldig erklärt, auf Kompromisse im Disziplinarverfahren ebenso verzichtet wie auf mögliche mildernde Umstände. Er, der Spezialist für englische Romantik, für Byron und Wordsworth zumal, wollte lieber ein Märtyrer der Liebe werden, als sich der Strenge zu unterwerfen, den die Frauenbewegung und die politische Korrektheit fordern. Das schlimme Ende der Affäre mit Melanie, seiner Studentin, ist für den melancholischen Mittfünfziger auch der bittere Beginn erotischer und sexueller Resignation: „Er sollte aufgeben, vom Feld gehen. Wie alt war Origenes, fragt er sich, als er sich kastrierte?“

          Professioneller Handwerker und Wortarchitekt am Werk

          Der südafrikanische Schriftsteller John Marie Coetzee, der seine Vornamen mit Vorliebe auf das Kürzel J. M. reduziert, ist vor wenigen Wochen sechzig Jahre alt geworden. David Lurie ist die Figur, die ihn im neuem Roman vertritt. Denn wie Lurie ist auch Coetzee Literaturprofessor in Kapstadt, allerdings ein erfolgreicher. Noch erfolgreicher ist er als Autor. Neben Erzähl- und Essaybänden hat er seit 1977 acht Romane veröffentlicht, dafür nicht wenige und stets renommierte Auszeichnungen erhalten. Mit dem neuen Buch, mit „Schande“, ist ihm gar das Kunststück gelungen, den Booker Price, Englands begehrteste Literaturtrophäe, als erster Autor zum zweiten Mal zu gewinnen.

          John Marie Coetzee
          John Marie Coetzee : Bild: KEY

          Wie allen erfolgreichen Dichtern gilt auch Coetzees ganze Sympathie den Zukurzgekommenen und den Scheiternden, den Trostlosen und den Schwachen, kurzum: den Verlierern. In Sachen David Lurie jedoch hat er sein Mitgefühl ein wenig zu dick aufgetragen. Die eindeutige Symphatielenkung, die er für seinen traurigen Helden in Gang setzt, erscheint deshalb etwas aufdringlich, ja kokett. Immer wieder muss Lurie, der Körper und Geist noch ganz gut beisammen hat, über die Fatalitäten des Älterwerdens lamentieren, kapitulierend die weiße Fahne schwenken, wenn die Lust am Horizont erscheint. Und selbstverständlich scheitert Lurie auch an seinem hochfliegenden Plan, über Lord Byrons gut 180 Jahre zurückliegende Leidenschaft für Teresa Guiccioli nicht etwa eine weitere wissenschaftliche Abhandlung zu verfassen, nein: Eine veritable Oper soll es sein. Die Fähigkeit, zu komponieren, aber nimmt man Lurie nicht ab, zu ungelenk schreibt sein Autor davon.

          Aber dies ist schon der einzig nennenswerte Einwand gegen einen Roman, der ansonsten viele Vorzüge besitzt. Die herbe Handlung etwa, die er seinen Hauptfiguren aufbürdet, ist vollkommen plausibel, folgerichtig und, man soll das nicht verachten, spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Auch Coetzees szenische Phantasie lässt nichts zu wünschen übrig. Ob er Lurie zu einer Edelnutte schickt, die Selbstgerechtigkeit oder den Opportunismus seiner universitären Ankläger Revue passieren lässt, ob er Lucys Verkaufstalent auf dem Wochenmarkt schildert oder ein Fest bei Petrus, dem schwarzen Verwalter und Mitbesitzer von Lucys Farm - stets sieht man nicht nur den inspirierten Geschichtenerfinder, sondern auch den professionellen Handwerker und Wortarchitekten am Werk.

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