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J.M. Coetzee: Schande : Der Schock darüber, gehaßt zu werden

Der Stil ist lapidar und lakonisch, kurze, scheinbar nur mitteilende Sätze, die indes noch die alltäglichsten Begebenheiten bedeutsam oder bedrohlich anmuten lassen. Die Dialoge sind präzis, kommen sofort zur Sache und wirken auch dann selbstverständlich, wenn eher abstrakte, politische oder psychologische Probleme erörtert werden. Als Erzählzeit hat J. M. Coetzee das Präsens gewählt. Eine heikle Entscheidung, die den Lesern die Fiktion zumutet, es geschehe alles, was geschieht, eben jetzt. Aber auch diese Zumutung erweist sich als Gewinn: Sie gibt Davids und Lucys Geschichte Tempo und Dringlichkeit. Keine Rückblenden zudem, keine Traumsequenzen und perspektivischen Verschachtelungen, die Coetzee in früheren Büchern gelegentlich virtuos, bisweilen angestrengt handhabte.

„Schande“: ein gradliniger, schnörkelloser und zielstrebiger Roman, gelenkt und gesteuert von einem unsichtbaren und anonymen Erzähler, der genau so viel weiß, wie wir, die Leser, zu wissen verlangen. Realismus pur: Dieser Eindruck stimmt - und trügt zugleich. Denn hinter der klaren Fassade des Romans wächst, unmerklich zunächst, dann immer sichtbarer werdend, ein finsterer Innenraum. Eine düstere Parabel über die Menschennatur haust in ihm. „Schande“ hat eine Botschaft, in der Tat: die Botschaft vom misslingenden Leben, von der Umkehrbarkeit, aber eben auch von der Unaufhebbarkeit des Verhältnisses zwischen Herr und Knecht, von Macht und Unterwerfung als Konstanten der Existenz. Nicht zuletzt wirft der Roman ein fahles Licht auf die Entwicklung Südafrikas seit dem Ende der Apartheid. Die Gewalt hat sich nun andere Täter gesucht und andere Opfer gewählt, dass sie je verschwinden könnte, scheint unmöglich. Aber ob existenzielle Botschaft oder politische Prognose: Der nicht geringe Kunstgewinn von Coetzees Roman besteht darin, alle übergeordnete Bedeutung in konkrete Geschehnisse und nicht minder konkrete Dialogpassagen aufzulösen. Ein fast naives Vertrauen liegt dem zugrunde: dass die Welt erzählbar sei, wieder erzählbar sei oder noch - und dass man sie nur begreift, wenn man sie erzählt. Und siehe da, das Vertrauen trägt in diesem Fall.

Hunde können Gedanken riechen

Im Fall Melanie bekommt es David Lurie auch mit einer Organisation zu tun, die sich „Frauen gegen Vergewaltigung“ nennt, Women Against Rape. Die Abkürzung dieser Gruppe lautet WAR, Krieg. Und den führt sie erfolgreich bis zur bürgerlichen Erledigung des Feinds. Lurie, in Schande, zieht sich aufs Land und zur Tochter zurück, macht sich hier und da ein wenig nützlich, redet ein bisschen viel und räsonniert ein bisschen larmoyant. Tochter und Vater halten es erstaunlich gut miteinander aus, die Idylle scheint unaufhaltsam. Dann, aus heiterem Himmel, wird urplötzlich Krieg gegen Lucy geführt. Drei Männer, Farbige, kommen aufs Gelände, kommen ins Haus, misshandeln David, sperren ihn ein, vergehen sich an Lucy. Die Tochter geschändet, verwüstet die Farm.

Davids verhängnisvolles Abenteuer mit Melanie hatte der Roman ausführlich geschildert. Zwei suchende Seelen hatten sich gefunden und wieder verfehlt, Melanies Freund, Melanies Eltern und Melanies Verwirrung machten daraus den Skandal. Lucys wirkliche Vergewaltigung hingegen bleibt unerzählt, erst viel später stellt sich David vor, wie es gewesen sein könnte. Und für Lucy noch schlimmer als die Schändung ist der Hass, mit dem sie geschah: „Der Schock darüber, gehaßt zu werden, meine ich. Beim Akt.“ Dennoch lehnt sie den Rat des Vaters ab, die Farm zu verkaufen und wegzuziehen, die Männer zeigt sie nur wegen Diebstahls an - also wegen der Versicherungsprämie. Dass Petrus, ihr schwarzer Kompagnon, mittelbar mit dem Verbrechen zu tun hatte, wird rasch klar, dass sich Lucy fortan gleichwohl in seinen Schutz begeben wird, ist das Ergebnis ihrer lakonischen Überlebensplanung. Die Geschändete ist auch geschwängert, sie wird das Kind austragen. Es wird farbig sein.

Es ist eine sehr archaische und sehr verstörende Lösung, die Lucy wählt: Sie, die emanzipierte Weiße, unterwirft sich den neuen Herren des Landes. Das sei ganz und gar ihre Privatsache, meint sie. Der Roman lässt das stehen, also gelten. Aber er dementiert auch die Vermutung nicht, dass dieser Preis fürs Bleiben keineswegs nur für Lucy gelten könnte. Und David? Er wird Helfer in einer kleinen Tierklinik. Bald wird er sich selbst den „Hunde-Mann“ nennen: Seine Aufgabe ist, die eingeschläferten Tiere in die Verbrennungsanlage zu transportieren und dort in den Ofen zu schieben. Viele werden eingeschläfert, weil es zu viele gibt. Hunde, sagt die Betreiberin der Klinik, „können Gedanken riechen“. Bevor sie sie tötet, spricht sie mit ihnen und tröstet sie. „Schande“ ist kein tröstliches Buch.Es ist viel mehr: ein beunruhigender Roman.

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