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Iwan Bunin: Das Dorf. Suchodol : Ganz Russland ist ein Dorf

  • -Aktualisiert am

Bild: Dörlemann Verlag

Im Schatten von Tolstoi und Dostojewskij ist er lange übersehen worden: Nun laden zwei großartige Prosatexte in deutscher Neuübersetzung dazu ein, den russischen Nobelpreisträger Iwan Bunin wiederzuentdecken.

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          Es riecht nach ungewaschenen, billigen Schnaps ausdünstenden Körpern, nach abgestandenem Spülwasser und Moder in verfallenden Häusern. Aus einem niedrigen Himmel schüttet es wie aus Kübeln, wenn nicht eine sengende Sonne die Straßen in eine Staubwüste verwandelt. Bewohnt wird diese gottverlassene Einöde von Kreaturen mit vertrocknenden Herzen. Selten findet sich in der Literatur mehr Tristesse, mehr Armseligkeit. Kaum auszuhalten, wäre es nicht so großartig geschrieben.

          Mit dem Roman „Das Dorf“ und der Erzählung „Suchodol“ setzte Iwan Bunin, der 1933 den Literaturnobelpreis erhielt, einer untergehenden Welt ein Denkmal. Schnörkellos, ohne Pathos, provozierend. In dieser Welt des russischen Dorfes ist das Schicksal der nach dem Ende der Leibeigenschaft von 1861 pauperisierten Bauern aufs engste mit dem ihrer rasant verarmenden einstigen Besitzer verknüpft, so wie das Wort „Dorf“ im Russischen im Wort für Holz und Baum verwurzelt ist. Was von ferne und im nationalen Klischee als Idylle erscheinen mag, erweist sich unter dem Mikroskop der Buninschen Prosa als Agonie, geprägt von Verzweiflung, Gewalt und Einsamkeit.

          Das triste Hadern mit der Welt

          1910 erschienen, schildert der Roman das triste Leben zweier Brüder. Den Urgroßvater hatten die Windhunde des Gutsbesitzers zu Tode gehetzt, weil dieser seinem Herrn die Geliebte ausspannen wollte. Der Großvater zog als Kirchendieb durchs Land, der Vater wurde Krämer, ging bankrott und ertrank seine Sorgen im Suff. Die Söhne, bettelarm, schlugen sich gemeinsam als Hausierer durch, bis sich ihre Wege trennten, weil einer dem anderen an die Gurgel wollte. Tichon, die Krämerseele von beiden, kann sich schon bald das alte Gut Durnowo, auf dem seine Vorfahren gedient hatten, unter den Nagel reißen, indem er den Nachkommen der verarmten Gutsbesitzer „erledigt“. Seine erste Frau, eine stumme Köchin, erdrückt das gemeinsame Kind im Schlaf, die zweite bringt nichts als Totgeburten auf die Welt.

          Auf der Suche nach einem Verwalter für das Gut versöhnt sich Tichon mit dem Bruder Kusma. Als Autodidakt hatte der sich so manches angelesen, hat mit den letzten Rubeln seine eigenen naiv-dilettantischen Gedichte herausgebracht, sich in allerlei Anstellungen verdingt, eine Tochter gezeugt, die er nie sieht. Wie sein Bruder hadert er mit der Welt und sieht keinen rechten Sinn im Leben. Aus seinem Traum, ein Buch zu schreiben, wird ebenso wenig wie aus Tichons Sehnsucht nach einem eigenen Kind.

          Nostalgische Romantik weicht schicksalsergebener Hölle

          Das Dorf heißt Durnowka, was so viel bedeutet wie dumm, böse oder schlecht. Ähnlich verhält es sich mit dem Gut „Suchodol“ - zu Deutsch trockenes Tal -, das die Bühne der 1912 erschienenen gleichnamigen Erzählung bildet. Der vom Erzähler romantisierte Ort der Kindheit erweist sich in den Erinnerungen der Magd und „Milchschwester“ des letzten Gutsbesitzers, die nun schicksalsergeben mit dessen seelisch kranker Schwester, „dem gnädigen Fräulein“, auf dem verfallenden Anwesen ausharrt, als einzige Hölle.

          Hundepeitschen hat man am Tisch parat gehabt, um die ewigen Streitereien im Zaum zu halten, der Diener und uneheliche Sohn seines Herrn erschlägt den Vater im Affekt, der junge Herr bringt das Gut endgültig durch, und ein arglistiger Landstreicher quartiert sich ein und vergewaltigt die Magd. Liebe wird im Keim erstickt. Eine krude Mischung aus Schicksalsergebenheit und Aberglaube lässt die Menschen das Elend ertragen. Anders als sonst bei Bunin spendet die Natur keinen Trost, es gewittert, es hagelt, es stürmt. Revolution liegt in der Luft.

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