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Ivo Andric: Die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien : Leben unter dem muslimischen Joch

Bild: Verlag

Es gibt zwar keine gute deutsche Biographie über den Literaturnobelpreisträger Ivo Andric, doch nun liegt seine Dissertation vor. Dort keimen die Motive seines späteren Werks.

          3 Min.

          Ivo Andric, der Literaturnobelpreisträger von 1961, gehört zu jenen Trägern dieser Auszeichnung, die immer noch gelesen werden. Sein Werk liegt nahezu vollständig auf Deutsch vor, viele Bücher sind weiterhin lieferbar, zum Teil in Neuauflagen. In allen Weltsprachen hat Andric seine Lesergemeinde. Kaum zu überschätzen ist sein andauernder Einfluss im früheren Jugoslawien und dort vor allem in Serbien, wo die Werke des in Bosnien geborenen und aufgewachsenen Kroaten seit Generationen Schullektüre sind. Ausgerechnet in Bosnien tun sich einige nationalistische Vorredner der muslimischen Mehrheitsbevölkerung allerdings schwer mit Andrics Werken, denen sie eine „antitürkische“ Stoßrichtung unterstellen. Nun war Andric viel zu klug und begabt, um als Literat ein Nationalist zu sein. Doch fällt tatsächlich auf, dass das türkische Personal seiner Werke oft als rückständig und lasterhaft beschrieben wird. War der Wahl-Belgrader Andric also wirklich jener „Türkenhasser“, als den ihn seine Gegner in Bosnien verunglimpfen?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ein Schlüssel zu Werk und Weltsicht Andrics ist seine 1924 erschienene Dissertation mit dem Titel „Die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter der Einwirkung der türkischen Herrschaft“, die der Wieser-Verlag dankenswerterweise zugänglich gemacht hat. Übersetzt werden musste die Arbeit nicht, denn sie erschien im Original auf Deutsch. Als im Juni 1924 an der Karl-Franzens-Universität in Graz das Rigorosum stattfand (Andric bestand mit „ausgezeichnet“), war der Kandidat in Jugoslawien bereits ein arrivierter Dichter.

          Bosnien als Bollwerk

          Dass Andric auch Diplomat in Diensten des Belgrader Außenministeriums war und gewisse politische Rücksichten nehmen musste, könnte eine einführende Fußnote erklären, in der er versichert, seine Abhandlung sei nicht etwa als Kritik an der islamischen Kultur als solcher zu verstehen, „sondern nur als Kritik jener Folgen, die ihre Übertragung auf ein christliches, slawisches Land zeitigte“. Gleich in der Einleitung seiner Dissertation wird allerdings deutlich, was Andric von „den Türken“ hielt: „Es ist gesagt worden, durch die Eroberung von Konstantinopel sei der europäischen Menschheit eine Wunde geschlagen. Es gibt wohl wenige Länder, die diesen Schlag härter und empfindlicher zu fühlen bekamen als Bosnien.“ Die Türkenherrschaft hat bei Andric zur „Verrohung der Sitten und zu einem Rückschritt in jeder Beziehung“ geführt. Die Unterwerfung Bosniens durch die Osmanen im Jahr 1463 erscheint denn auch als „Invasion eines nach Glauben, Geist und Rasse fremden Eroberervolkes“, das „den serbo-kroatischen Rassen- und Sprachenkomplex in zwei Teile geteilt“ habe.

          Über die Knabenlese, also die systematische Entführung von balkanischen Christenjungen nach Istanbul, schreibt Andric: „Diese Kinder, als Abkömmlinge von urwüchsigen, gesunden Bergbewohnern, haben kraft ihrer angeborenen Intelligenz und Tüchtigkeit viel leichter als die arbeitsscheuen und mit Lastern behafteten Türken Ehren und Ansehen erlangt.“ Dass Bosnien bei ihm dem Islam „anheimgefallen“ ist und daher seine „natürliche Aufgabe“ nicht mehr habe erfüllen können, „an der kulturellen Entwicklung des christlichen Europas“ teilzunehmen, verwundert angesichts solcher Urteile nicht mehr. Andric sieht das Bosnien der Türkenzeit als „mächtiges Bollwerk gegen den christlichen Westen“.

          Der Erzähler tritt hervor

          Das sind Worte und Urteile aus einer anderen Zeit. Sie stammen von dem Diplomaten, nicht dem Schriftsteller Andric. Bevor er sich 1941 ganz auf seine Dichterexistenz zurückzog und mitten im von den Deutschen besetzten Belgrad zwei große Romane und eine umfangreiche Erzählung verfasste, war Andric stellvertretender Außenminister Jugoslawiens gewesen und hatte unter anderem die Politik einer Zwangsumsiedlung von Muslimen aus Südserbien in die Türkei vertreten. Auf seinem letzten diplomatischen Posten repräsentierte Andric schließlich von 1939 bis zum deutschen Überfall auf Jugoslawien im April 1941 die jugoslawische Königsdiktatur in Hitlers Berlin, wo er als Gesandter unter anderem Umgang mit Arno Breker und Carl Schmitt pflegte. Wer das weiß, wird einige Sätze aus Andrics Dissertation, etwa jenen über die Korruption als „Rassenlaster“ der Türken, mit noch größerem Unbehagen lesen, auch wenn sie 15 Jahre vorher entstanden.

          Doch es gibt auch eine andere Seite von Andrics Doktorarbeit. Zwischen den Zeilen tritt bereits unverkennbar der Erzähler und Romancier hervor, dem in seinem Hauptwerk das Wagnis glückte, ein Bauwerk (die berühmte Brücke über die Drina in der Stadt Visegrad) zur Protagonistin eines vierhundertseitigen Romans zu machen. Andric war ein akribischer Rechercheur, dessen literarische Meisterschaft sich in der extremen Verdichtung seiner gewaltigen Materialberge zu großer Literatur zeigte. Er grub jahrhundertealte Fermane aus, stöberte in Klosterchroniken, Kirchenbüchern und diplomatischer Korrespondenz Motive und Figuren auf.

          Keine Spur von Archivstaub

          In Andrics Dissertation tauchen einzelne Figuren seiner erst knapp zwei Jahrzehnte später entstandenen Hauptwerke bereits auf. Manche Szenen der Bücher begegnen uns hier noch in der Vorform eines osmanischen Aktenvermerks. Nur mit Mühe gelingt es Andric, seine Sprache im Zaum der für eine Dissertation nötigen Wissenschaftlichkeit zu halten. Das Bild eines Reisenden von einem verarmten serbischen Geistlichen, der eine Beerdigungsfeier „mit nackten Füßen bis zu den Knien“ leitete, entzückte Andric ebenso wie das Sprichwort bosnischer Christen, dem zufolge die Lüge des Armen Hab und Gut sei. Offensichtlich ist seine Freude an bosnischen Redensarten wie dieser: „Er ist dick und fett, als ob er in Bosnien die Steuern eingetrieben hätte.“

          Die Romane lassen von all der Mühe und dem Archivstaub der Vorstudien nichts mehr ahnen. Für das Verständnis des Werks von Ivo Andric ist seine Dissertation eine wichtige Ergänzung. Deshalb zumal, weil von diesem großen europäischen Schriftsteller bis heute keine brauchbare deutsche Biographie erschienen ist.

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