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Italo Svevo: Zenos Gewissen : Und wer macht mir jetzt meinen Milchkaffee?

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Bild: Verlag

Grandioser Wortschwall: Mit „Zeno Cosini“ ließ Italo Svevo die Moderne in die italienische Literatur einziehen. Jetzt liegt der Klassiker in einer frischen Übersetzung vor.

          Rauchen oder nicht rauchen, das ist hier die Frage. Zeno Cosini, Protagonist von Italo Svevos „Zenos Gewissen“, stellt sie sich täglich. Als Mann mit den besten Absichten, der er ist, gibt es für ihn nur eine Antwort: Schluss damit. Allein, es mangelt ihm an der Kraft zur Umsetzung. Was er natürlich nicht einsieht - oder sich schönredet. Zum Beispiel, wenn er nach einer halben Stunde Entzug konstatiert: „Ich war also völlig geheilt, aber unheilbar lächerlich!“ Und wenn er eines nicht will, dann lächerlich erscheinen oder „gesund sterben, nachdem ich das ganze Leben lang krank gelebt habe“. Da hilft nur der neuerliche Griff zum Nikotin.

          „Gli inetti“ heißen solche Typen in der italienischen Literatur. Es sind die Trägen oder Untauglichen, die sich treiben lassen, den Zeitläuften nichts entgegensetzen, sich an ihre Illusionen verloren und oft keinen Zugang zu ihrem Selbst haben. Es ist der moderne Mensch - in einer seiner Spielarten.

          Man muss auch Zeno Cosini verstehen

          Aron Hector (Ettore) Schmitz, in die Literaturgeschichte als Italo Svevo eingegangen, hat diesem Typus am Ende des neunzehnten, zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in drei Romanen ein Denkmal gesetzt und damit die italienische Literatur an die mitteleuropäische Moderne angeschlossen. Bereits das Pseudonym des 1861 in Triest geborenen Sohns eines Deutschen und einer Italienerin, beide mit jüdischem Hintergrund, war Programm: Die habsburgische Hafenstadt war ein Schmelztiegel venezianischer, deutscher und slawischer Einflüssen; gleichzeitig erfreute sich der Irredentismus, in diesem Falle ein panitalienischer Nationalismus, gerade unter Intellektuellen großer Beliebtheit. Italo Svevo, der italienische Schwabe - damit verband Schmitz Unvereinbares.

          Einiges hatte er nämlich mit seinen Helden ohne Frage gemein. Auch ihn quälte ein von Schopenhauer geprägter Pessimismus, gleichzeitig zeichnete ihn sein Sinn für Humor aus. Humor indes heißt, Dürrenmatt zufolge, „ja nicht einverstanden sein mit der Welt, sondern sie eben als gerade das zu akzeptieren, was sie ist, als etwas sehr Fragwürdiges“. Zudem war Svevo sozial engagiert, zu Emphase fähig und, wenn auch augenzwinkernd, von der Qualität seiner Texte überzeugt, „denn es genügt nicht, Meisterwerke zu schreiben, sondern man muss auch Zeno Cosini verstehen“.

          Aus Rache, weil er die Behandlung abgebrochen hat

          Der siebenundfünfzigjährige Zeno Cosini ist ein Mann aus gutem Hause, wirtschaftlich abgesichert und zumindest in einer Hinsicht ein echter „inetto“: Vom Geschäftsleben versteht er rein gar nichts, was zur Folge hat, dass ihm sein Vater in der eigenen Firma den wirtschaftlichen Vormund Olivi vor die Nase setzt. Dergestalt um eine Aufgabe gebracht, flaniert er durch die Straßen Triests, gibt allenthalben den Connaisseur und kultiviert seine Hypochondrie. Sich selbst attestiert er ein besonderes Leiden: „Ohne ein Redner zu sein, hatte ich die Wortkrankheit.“ Das stimmt insofern, als er im Zuge einer Psychoanalyse rund 750 Seiten braucht, um sein ereignisarmes Leben darzulegen. Die sind freilich ein Feuerwerk an Bonmots sowie ins Groteske spielender Situationen. In thematischen Blöcken handelt Zeno sein Leben ab, angefangen beim Rauchen über den Tod des Vaters, die Ehefrau und Geliebte bis hin zur Psychoanalyse. Nur zu einem zentralen Thema fehlt ein eigenes Kapitel: den eingebildeten Krankheiten.

          Svevo verstand Krankheit als Chiffre seiner Zeit, Krankheit und Gesundheit galten ihm als austauschbare Begriffe, da jeder grundsätzlich an der Zeit, an der Existenz an sich leide. Zeno unterzieht sich einer Psychoanalyse, was seinem Schöpfer das Etikett des „psychoanalytischen Autors“ eintrug. Das verbat er sich strikt. Er hatte zwar 1918 Freuds „Traumdeutung“ übersetzt, lehnte diesen Ansatz aber als letztlich inadäquat ab. Literarisch schlägt sich das gleich auf den ersten Seiten des „Zeno“ in einer genial-komischen Verletzung der Abstinenzregel nieder: Ein Doktor S. veröffentlicht „aus Rache“ die Manuskripte seines Patienten Zeno Cosini, weil dieser die Behandlung abgebrochen hat.

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