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Italo Calvino: Schwierige Liebschaften : Die Wahrheit ist ein rostender Angelhaken

  • -Aktualisiert am

Bild: Carl Hanser Verlag

Endlich aus dem staubigen Labyrinth der Bibliotheken befreit: Ein Band mit Italo Calvinos „Sämtlichen Erzählungen“ weckt die Lebensleidenschaft, eine Sehnsucht nach Weite und Leichtigkeit.

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          Wieder einmal lässt er auf sich warten: Weiß inzwischen doch ganz Rom, dass Caesar an diesen Iden des März 44 vor Christus ermordet werden soll. Das herrliche Frühlingswetter hat die Familien mit ihren Picknickkörben ins Grüne getrieben und kümmert sich keinen Deut um die Zukunft der Republik. Die ersten Schwalben flitzen fröhlich über die Pinien hinweg, und die verzagten Verschwörer, ihre kalten Dolche unter der Toga verborgen, tummeln sich in der Vorhalle des Senats, täuschen zwangloses Plaudern vor oder pfeifen ungeduldig vor sich hin. Warum hätten sie nicht schon an den Kalenden des Februar zuschlagen können? Zu spät. Plötzlich fangen sie an, über die Pros und Contras zu räsonieren, bis sie zur historischen Großtat bald nicht mehr imstande sein dürften, an sich selbst träge geworden wie dieser schöne Tag im März.

          Willkommen im Kosmos des Italo Calvino: Wer sonst könnte in einer Kürzestgeschichte wie dieser, „Ein schöner Tag im März“, so anarchisch unbeschwert und frech die Enttäuschung über die tumbe Unbesonnenheit vieler Italiener unter dem selbsternannten Caesar Benito Mussolini karikieren und nebenher die stillstandssatten und kleinkrämerischen Richtungskämpfe innerhalb der Kommunistischen Partei? Ihr war Calvino zwanzigjährig beigetreten, weil sie sich effektiver organisiert gab als andere Formationen der Resistenza und nicht wie ein Trupp Wilderer verdrossen durch die Wälder Liguriens stapfte.

          Mit Stalin im Kopf und Phantasie im Herzen

          Wer im Leben Glück hat, kann die Geschichte seiner Kindheit erzählen, ohne Faschisten erwähnen zu müssen, Folterkeller und Namen von Menschen, die von Telefonmasten hingen. Bis zu seinem Ende wünschte sich Calvino, alle Diktatoren hätten die Bilder von Mussolinis Hinrichtung auf dem Nachttisch stehen; doch bald war er es leid, seine besten Jahre damit zu vergeuden, „die Große Sache“ und die Literatur zu versöhnen wie zwei ewig zerstrittene Geschwister, die ohnehin nicht derselben Familie angehörten. Der Kommunismus befahl keine Literatur der Verneinung, sondern die Verneinung der Literatur und hatte eine Schar von frömmelnden Stümpern fließbandrasch Romane von wohlmeinender Langeweile produzieren lassen, „neorealistisch“, mit Figuren aus Gummi, humorlos, hysterisch und trist. Und die Wahrheit über Stalins Herrschaft gab Calvino den Rest: Zeit seines Lebens steckte sie in seinem Kopf „gleich einem rostenden Angelhaken“ fest.

          Hatte er auf der Durchreise durch die „dekadenten, denkfaulen USA“ eben noch Weihrauch für den Kommunismus verbrannt, misstraute er von nun an allem, was sich einfach ausnahm und entschieden, und würde die Legitimation seines Daseins in der Neuerfindung des Universums suchen, den „Cosmicomics“, im Bau „Unsichtbarer Städte“ und in der „glühenden Geometrie“ eines „Schlosses, worin sich Schicksale kreuzen“. Und je älter, desto kühner wurde er, arbeitete noch im Jahr seines Todes an Geschichten über die fünf Sinne - und die Pointe seiner vielleicht besten, die er nie geschrieben hat, über den sechsten, gab er zumindest einem Journalisten preis: Der Tod Gottes lässt die Engel in einer prekären Lage zurück. Denn was, fragen sie sich plötzlich verzweifelt, mögen wohl „Engel“ sein?

          Die Falle der Nur-Literatur

          „Nimm beim Wachsen an Leichtigkeit zu“ wurde zu Calvinos Maxime, erhebe dich aus der unerträglichen Schwere und wage einen Kranichblick über das Dächergewirr deiner liebsten Städte, San Remo, Paris, New York. Auf die Politik sollte man sich, dachte er, nur so weit einlassen, um sich vor ihr schützen zu können. Ihre Ideale erreichte sie nie; die Literatur die ihren durchaus. Verantwortung übernahm Calvino, „verträumter Gast von einem anderen Stern“, lediglich für sein schriftstellerisches Tun, und seine „Maniographie der immer vorletzten Fassung“ porträtierte er in der Erzählung „Abenteuer eines Photographen“, worin der zunächst knipsfaule Antonio der Obsession verfällt, die von anderen systematisch übersehenen Momente festzuhalten, die Fotos dann zerstückelt und diese abermals fotografiert. Beängstigend fast in seiner unaufgeregten Konsequenz und zappeligen Neugier, machte sich Calvino täglich ans Werk, als wäre er nie vollständig zur Welt gekommen und sähe Bleistift und Papier zum ersten Mal. „Die Leser sollen ihren Spaß haben, nicht ich.“ 1957, im Publikationsjahr seines „Barons auf den Bäumen“, der sich weigert, jemals wieder von seinem Blätterkontinent in den Lüften herabzusteigen, verließ Calvino die Kommunistische Partei.

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