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Italo Calvino: Schwierige Liebschaften : Die Wahrheit ist ein rostender Angelhaken

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Groß war der Zorn der stets übelnehmerischen Genossen ob Calvinos vermeintlicher Hals-über-Kopf-Abtrünnigkeit: Galgengesichtig maulten sie von ihren morschen Barrikaden, er wälze sich in der Frivolität einer weltentfremdeten Nur-Literatur und mache ein moralisches Vakuum daraus. Hatten sie recht? Die Gefahr bestand - und wie glücklich enttäuscht ist man, mit der Ausgabe seiner teils erstmals und immer brillant übersetzten gesammelten Erzählungen „Schwierige Liebschaften“ keine bloß raffiniert „postmodern“ strukturierten Vergnügungen vor sich zu haben, die sich bis zum beliebigen Undsoweiter in sich selbst spiegeln und selbst bei grüblerischen Akademikern bestenfalls für Minuten angestrengter Erholung sorgen.

Schwimmer im uferlosen Meer

Zuweilen Reisen um die Welt auf nur drei, vier Seiten und Wunder an Anmut und Witz, chargieren sie zwischen Realitätsnähe und Phantastik hin und zurück. In der frühen Geschichte „Von gleicher Substanz wie das Blut“ breitet sich gleich der ganze Calvino vor uns aus: Nachdem die deutschen Besatzer die Mutter verhaftet haben, flüchten die Söhne in ein Partisanenversteck, wo die halbblinde Großmutter hockt und so viele Greuel in ihrem gnadenlos klaren Gedächtnis bewahrt hat, dass man ihr die Folterung der Tochter durch die SS verschweigt und sich in einer Diskussion über die Weltzeitalter insgeheim das Ende des Krieges erhofft.

Bisweilen freilich entgeht Calvinos „leggerezza“, diese Melange aus Leichtigkeit, Frohsinn, Frühlingsgefühl, der Falle des schlichten Kalauerns nicht - etwa wenn eine passionierte Schwimmerin das Unterteil ihres Bikinis verliert und sich ihre Beschämung zu einer solch existenzdurchbohrenden Angst steigert, dass sie stundenlang im Wasser treibt und gar den Selbstmord erwägt. Dann verwandeln sich Calvinos Phantasien in Irrlichter, die kein Leser einzufangen vermag, und man wünscht sich seine Lehrmeister Robert Louis Stevenson und Jorge Luis Borges als Lektoren an seiner Seite, die ihm raten: „Lassen Sie das weg.“ Und so ist das streng durchkomponierte Bravourstück des Bandes die Schauerkomödie „Die argentinische Ameise“, die eine ähnlich schleichende Schockwirkung zu erzielen vermag wie jener Augenblick in Calvinos Roman „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“, da „du“, der durchgängig geduzte Leser, erkennen muss, dass „du“ die Internierung und Exekution eines Dissidenten in Indonesien verschuldet hast.

Der Mittelpunkt der Welt

Zwecks Neuanfang zieht ein zerstrittenes Ehepaar mit Kind an die ligurische Küste, die von Endlosarmeen emsiger Riesenameisen bevölkert ist. Im Dauerkrieg gegen sie bilden Nachbarn einander bekämpfende Fraktionen; konstruieren konkurrierende Ameisentötungsmaschinerien; verlieren den Verstand; werden von den Ameisen zerfressen oder nehmen allmählich ihre Gestalt an, bis das Meer, eingedunkelt, voll ist von ihnen - so wie unser Leben oft von kümmerlichstem Daseinseinerlei, das den Blick auf „die Neue Welt eines jeden Morgens“ verstellt.

In „Abenteuer eines Poeten“ sieht der Dichter Usnelli in der Schönheit seiner geliebten Delia „das blendendste Innere der Sonne“, nicht in Worte zu fassen, da „in diesem Inneren der Sonne die Stille war“. Immer wollte Calvino seine Leser unter Einsatz aller verbalen Ressourcen dazu bringen, mit angehaltenem Atem über unendliche Weinfelder und das gutmütige Grollen der Brandung auf eine Insel zu schauen, „die aussieht wie ein mit Bergen beladenes Schiff, das weit hinten am Horizont schwebt“. Wen verwundert es noch, dass Calvino sein Alter Ego „Palomar“, als der, daseinserschöpft, beschlossen hat, die Welt aus den Augen eines Toten zu betrachten, sterben lässt? Damit beendete Calvino sein letztes Buch. „Ohne dich gibt es die Welt gar nicht - also verlier keinen Tag.“

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