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Isolde Ohlbaum: Auswärtsspiele : Hört zu, schaut her

  • -Aktualisiert am

Aber bitte mit Stadtplan: Was passiert, wenn deutsche Dichter und Denker eine Gruppenreise ins Ausland machen? Das weiß keiner besser als die Fotografin Isolde Ohlbaum, die seit zehn Jahren bei diesen Familienausflügen dabei ist.

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          Jean Cocteau zufolge sind Dichter Wesen, die eine Pfeife verschlucken und dafür eine Dampflokomotive ausspucken können, und wenn man prominente französische Vertreter dieser so raren wie schützenswerten Gattung vor seinem inneren Auge Revue passieren lässt, traut man den meisten derart auffällige Zugehörigkeitsbeweise durchaus zu. Woran aber soll man deutsche Dichter und Denker erkennen, wenn sie einfach nur in Bussen sitzen, durch Parks schlendern, reden, eine Zigarette rauchen (ohne Verschlucken), sich ins Wort oder auch mal um den Hals fallen? Mit anderen Worten: Wie identifiziert man den Dichter und Denker, eine Spezies, die gemeinhin nicht als Herdentier gilt, wenn er nicht annonciert oder in eindeutigen Situationen – also an Tastaturen, auf Podien und vor Mikrofonen – zu sehen ist, sondern
          einfach unter seinesgleichen unterwegs auf einer Gruppenreise?

          Uneingeweihte könnten beim zufälligen Betrachten dieses Bildbandes glauben, es handle sich um die aufwendige Dokumentation eines Ehemaligentreffens. Tatsächlich jedoch erzählt er von lauter Aktivenfahrten: den Frühjahrstagungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die sich so im Jahr ihres sechzigjährigen Bestehens bei aller Zeitlosigkeit höchst lebensnah und ungravitätisch zeigen kann. Denn während der Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb gern als Klassenfahrt des deutschen Literaturbetriebs mit Kickerambitionen apostrophiert wird, handelt es sich bei den Frühjahrstagungen, zu denen es die Mitglieder der Darmstädter Akademie regelmäßig über die Landesgrenzen hinweg zieht, um „Auswärtsspiele“ der ersten deutschen Autorenliga – wobei die Reisen stets auch etwas von einem heiteren Familienausflug haben.

          Begegnungen mit geschätzten Bekannten und großen Toten

          Seit vielen Jahren begleitet die Fotografin Isolde Ohlbaum die Reisen der Akademie. Ihre Aufnahmen bezeugen jene Atmosphäre vertrauter Verbundenheit, die entsteht, wenn Menschen sich im besten Sinne wahrgenommen und erkannt, doch nie beobachtet fühlen. Mit „Auswärtsspiele“ legt Ohlbaum nun ein Album der vergangenen zehn Jahre vor; die Stationen reichen von Budapest (1998) über Krakau (2000), Turin (2002), St. Petersburg (2004) und Kopenhagen (2006) bis nach Lemberg (2008). Es ist ein herrliches Bilderbuch geworden, in dem man nicht nur vielen geschätzten Bekannten, sondern auch großen Toten wiederbegegnen kann: Neben George Tabori, Wolfgang Hilbig, Hilde Domin, Walter Boehlich oder Reinhart Koselleck sind das vor allem Joachim Fest, hier zu sehen im Gespräch mit Reinhard Baumgart, dazwischen Peter Hamm (oben links), und Oskar Pastior, der in Kopenhagen zusammen mit Herta Müller, Ilma Rakusa und Anita Albus den Ausführungen eines Kollegen lauscht (unten links). Es gibt solche, ohne die auf diesen Reisen nichts geht, wie den Energetiker Albrecht Schöne und Akademiepräsident Klaus Reichert (unten); andere, die seltener, dann aber nachhaltig mit von der Partie sind, wie Ivan Nagel und Norbert Miller (oben rechts) oder Rüdiger Safranski, umrahmt von Mitstreitern (Mitte links).

          Angenehm uneitel und eindeutig wird so auch die von Wilhelm Genazino in seinem einleitenden Essay aufgeworfene Frage beantwortet. Deutsche Dichter und Denker erkennt man daran, dass sie von Isolde Ohlbaum fotografiert werden.

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