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Neuer Roman von Isabel Allende : Nicht ohne meinen Samurai

  • -Aktualisiert am

Die chilenische Autorin hat einen großen Namen geerbt: Isabel Allende. Bild: dpa

Isabel Allende erzählt aufs Neue von der Kraft der Liebe. Da jedoch die Rahmenhandlung und ihr Erzählgerüst kaum überraschen, herrscht Groschenromanödnis und völkerpsychologische Nonchalance.

          Wer dreihundert Seiten lang Geduld für die lähmend gewöhnliche, in Rückblickschleifen erzählte Liebesbiographie von Alma Belasco aufbringt, erfährt, dass die leidenschaftslos mit ihrem Cousin verheiratete, ihrem feurigen japanischen Geliebten nachtrauernde Frau aus besseren Verhältnissen einst versuchte, ihr Sexualleben wenigstens auf Reisen ein wenig auf Trab zu bringen, denn schließlich sei dies wichtig für das Wohlbefinden: „Durch derlei Überlegungen wurde jede sexuelle Begegnung zu einer weiteren Aufgabe, die erledigt werden musste.“

          Mit diesem Satz hat die Autorin selbst die treffendste Beschreibung für den Eindruck gefunden, den dieser Roman beim Leser hinterlässt: Es wird hier laufend abgehakt, Szene um Szene, Erzählstrang um Erzählstrang, Emotion um Emotion, und das im schüttersten Stil. Entworfen sind die eher platt durch das Amor-vincit-omnia-Leitmotiv verschnürten Biographien - sicher ein Dutzend an der Zahl - dabei bis ins uninteressanteste Detail: Wir werden geradezu erschlagen durch den Plot, blättern durch eine Drehbuchskizze für eine ganze Vorabend-Soap. Doch nichts von erzählerischer Bravour ist in diesem Buch, kein Wagnis, kein Geheimnis, nur Groschenromanödnis und kalkulierte kleine Überraschungen.

          Das handelsüblichste Motiv

          Isabel Allende, die chilenische Bestsellerfee mit dem übergroßen ererbten Namen, hat sich neben ihren Jugendbüchern mit hausbackenen Romanen nach eigenem Rezept einen Namen gemacht: magisch-realistische Familienerzählungen am Rande des Kitsches, die früher immerhin zur gehobenen Unterhaltung gezählt werden konnten. Zuletzt ist die Autorin jedoch zusehends verpilchert, und auch der neue Roman muss trotz einiger lehrbuchartiger Ausgriffe in die Historie - Drangsalierung von Japanern in den Vereinigten Staaten zu Zeiten des Pazifik-Kriegs; ein in seiner Abgegriffenheit fast schon schäbiger Blick in die nationalsozialistischen Konzentrationslager - zum Genre der Schmalzliteratur gerechnet werden.

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          Als Erzählgerüst dient eine lustlos ausgedachte Rahmenhandlung, die vielleicht deshalb so misslungen wirkt, weil Isabel Allende verständliche Probleme damit hat, Armut zu schildern: „Die Laken waren sauber, wie das übrige Zimmer auch, denn von ihren Großeltern hatte sie gelernt, dass Armut keine Entschuldigung dafür sein kann, dass man nicht putzt.“ Irina Bazili soll dabei mehr sein als nur die Quasi-Erzählerin (geschrieben ist das Buch in dritter Person), nämlich eine Spiegelung der Hauptfigur: vor einem Trauma auf der Flucht und erlösungsbedürftig. Doch das vermittelt sich nur in Ansätzen. Die junge Frau aus Moldau hat jedenfalls furchtbare Erfahrungen hinter sich, von denen wir im Laufe des Buches alles erfahren - kein Geheimnis auch hier. Sie findet einen Job in einem Altenheim, wo sie zum Sehnsuchtsziel von Lustgreisen wird und sich mit der elitären Seniorin Alma anfreundet. Bald ist auch Almas Enkel Seth hinter Irina her, wird aber von ihr auf Abstand gehalten: „Dieser Mann bot ihr eine Liebe wie aus einem Schnulzenroman, aber sie konnte sie nicht annehmen.“ Dass Alma geheimnisvolle Liebesbriefe erhält, stachelt indes die Neugier von Seth und Irina an. Gemeinsam spüren sie Almas Lebensgeschichte nach. Natürlich will Seth, der sich für einen Dichter hält, ein Buch über seine Großmutter schreiben - sonst hätte man schließlich das handelsüblichste Motiv schlechter Rahmenhandlungen ausgelassen.

          Völkerpsychologische Nonchalance

          Und so stößt man bald auf den Japaner Ichimei, mit dem Almas Lebensgeschichte verflochten ist. Der Sohn des Gärtners der Belascos freundete sich bereits als Kind mit Alma an, die bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von ihren Eltern - polnischen Juden, später in Treblinka ermordet - zu den so reichen wie gutherzigen amerikanischen Verwandten gegeben wurde. Eine Verbindung ihres Schützlings mit einem Japaner hätten aber wohl auch die Belascos nicht billigen können. Wie genau sich die Phasen der Zu- und Abneigung zwischen Alma und Ichi verteilen, welche Rolle dabei ein Beau namens Lenny spielt, weshalb Alma schließlich zur Ehefrau des Sohns der Belascos wird und wieso sie urplötzlich beschließt, ihren Lebensabend in der Seniorenresidenz zu verbringen, das möge nachlesen, wen es interessiert.

          Erwähnt sei aber noch, mit welcher völker- und geschlechterpsychologischen Nonchalance hier operiert wird: Ichimeis Vater, für seine Gartenarrangements lebend, begegnet allen Demütigungen mit fernöstlichem Stoizismus. Er verachtet die „Großspurigkeit und materialistische Weltsicht der Amerikaner“. Seine Angst, die eigenen Söhne könnten zu Kaugummiwiederkäuern verkommen, ist zumindest im Falle des Jüngsten unbegründet. Denn der japanische Liebhaber ist von kühler Eleganz: Eine „erlesene innere Beschaffenheit“ weise er auf, schreibt Allende, sei aber gleichwohl ein „Mann der hitzigen Liebe, der erotischen Einfälle“. Seine Briefe sind „wie stilles, klares Wasser“, während Alma, die Osteuropäerin, berauscht ihre ganze Leidenschaft herauslässt. Als dann noch das unvermeidliche Samuraischwert auftaucht, „aus dem besten, sechzehn Mal gefalteten Stahl getrieben“, kann nur mehr konstatiert werden, dass hier eine Romanhandlung Harakiri begangen hat.

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