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Iris Hanika: Treffen sich zwei : Am Nullpunkt geht's erst richtig rund

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Nichts ist so klischeehaft wie die große Liebe. Doch Iris Hanika zieht sich mit einer sprachlichen Achterbahnfahrt geschickt aus der Affäre: Von Werbe-Sprüchen, über Programmiersprache bis hin zu Heinrich von Kleist ist alles vertreten. Eine Liebesgeschichte im modernen Mediendschungel.

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          Es ist das Kreuz der großen Liebe, dass alle Worte für sie längst verbraucht sind. Deshalb nennt Iris Hanika ihren Roman einfach „Treffen sich zwei“, als wollte sie einen Witz erzählen. Doch schon im Vorspann weicht der lockere Ton einer hymnischen Evokation des Monats August. Dieser Registerwechsel ist Programm: Die Sprache fährt bei Hanika vom ersten Satz an Achterbahn. So geht es bei der Blickaufnahme in einer Kreuzberger Kneipe noch schwer bergauf, denn Thomas' Augen kommen „angekrochen“, allerdings nur, um Senta sogleich „ins Herz hinunter“ zu fahren. Umstandslos landen beide im selben Bett, das sie drei Tage lang nicht mehr verlassen. Bliebe es bei diesem Einverständnis, wäre das eher Stoff für ein Schäferspiel als für einen Roman. Doch schon beim Wiedersehen ist Senta ein Liebhaber peinlich, der zu lange Beine und zu „schlaffe Brüstchen“ hat, sein Geld als Systemberater verdient, eine „Top-down-Analyse“ seiner Gefühle vornimmt und „Es war sehr schön“ zum Abschied sagt. Im Gegensatz zu ihr geht Thomas das Leben nüchtern und analytisch an.

          Wo Senta vom „Einbruch des Wunders ins wirkliche Leben“ schwärmt, notiert er nur ein neues Programm und fragt sich, ob die Systeme beider miteinander „kompatibel“ sind. „Das Speicherlöschprogramm war korrekt angestoßen worden und wurde präzise abgearbeitet“, heißt es, als Thomas den beruflichen Ärger mit ein paar Bieren hinunterspült. Senta hält er zunächst für eine Erscheinung aus dem Science-Fiction-Thriller „Matrix“: Kein Wunder, dass er ihren Rücken beim Spaziergang wie ein Mousepad dirigiert. Die Tochter von Wagner-Anhängern bewegt sich in anderen Sphären: Der erste Gefühlsüberschwang wirbelt in ihrem Kopf einen Partikelsturm klassischer Liebesprosa auf.

          Das ist nicht ohne Komik, denn dem hohen Ton fällt die nachhallende Fleischeslust übermütig ins Wort. Hat Senta eben noch sappho- und vosserisiert, so nennt sie Thomas im nächsten Atemzug gerührt einen „Zwutschkerl“ und grübelt über die „Umlaufbahn der wundersamen Geschehnisse“ nach, „in welche sie das Schicksal mit seinem Flitzegummi geschossen hatte“. Nach Abbruch eines geisteswissenschaftlichen Studiums jobbt Senta in einer Galerie. Offenbar hat ihr eine Überdosis Literatur die eigene Stimme verschlagen. Verse, Werbesprüche und Sexratgeber-Floskeln steigen wie pythische Dämpfe auf, wenn sie sich einen Reim auf die Romanze zu machen versucht. Dabei hat ein Bob-Dylan-Song dieselbe orientierende Funktion wie die Songlines der Aborigines, nur dass die Wildnis in diesem Fall das eigene Ich ist.

          Iris Hanika
          Iris Hanika : Bild: Jörg Schmiedekind

          Eine wahre Berg- und Talfahrt

          Nichts, scheint der Roman zu sagen, ist so klischeereich wie die große Liebe. Doch je größer die Beziehungskrise, desto weniger sperrig wirkt das sprachliche Treibgut. Es wird zum Feuerholz der lodernden Gefühle und kocht die kühnsten Metaphern auf. Das bedrängte Herz verwandelt sich in eine „Stalinorgel“, Thomas' Gesicht in eines „ohne Befestigungsanlagen“ und jenes „alles versaut . . . selber schuld“, das Senta wie ein Mantra vor sich her sagt, in die „Doppelhelix der um ihr Leben bangenden Liebe“. “Treffen sich zwei“ ist ein aufregendes Buch, weil es nicht am Nullpunkt der Authentizität stehen bleibt, sondern in der vorgeprägten Sprache unbekümmert seinen Weg sucht.

          Aus den Sackgassen rhetorischer Selbstaufladung katapultiert es sich durch Stilwechsel lässig heraus, wobei die Seitensprünge vom Graciánschen Handorakel bis zum Nachschlagewerk zur Berufsbildung reichen. Senta ist die Verkörperung dieses Erzählens im EKG-Stil: „Dass jemand tatsächlich mit Lichtgeschwindigkeit zwischen den verschiedenen Möglichkeiten seiner seelischen Verfasstheit hin und her springen konnte“, wundert sich ihre Freundin. Iris Hanika hat das rhetorische Mittel des Pathos für die Liebesprosa entdeckt, ein beständiges Fallen aus der Leseerwartung, das sich ergibt, wenn man Pop und Pathos auf gut Glück aneinandersetzt.

          Ihr Lehrmeister ist Heinrich von Kleist, der die unerhörte Wendung der Novelle zum Erzählprinzip gemacht hat. Der Roman steckt voller Kleist-Hommagen. Thomas glaubt seine neue Geliebte des Nachts in einer Lichterscheinung zu sehen wie Käthchen den Grafen Wetter vom Stahl. Die „Marquise von O****“ wird mehrmals direkt zitiert: als Folie für einen überstürzten Beischlaf, bei dem sich Senta im Rückblick missbraucht vorkommt. Doch vor allem Kleists „Penthesilea“ wird von der Autorin beliehen, wenn es darum geht, dass Liebe blitzschnell in Hass umkippen kann.

          Die Szene, die Senta ihrem Liebhaber öffentlich macht, ist so verletzend, dass er sich abrupt aus ihrem Leben zurückzieht. Iris Hanika führt Sentas Rollenspiel der gekränkten Unschuld als letztes Mittel vor, sich vor dem Skandalon des Liebens zu schützen. Erst als jeder Kontakt mit Thomas unterbunden ist und sie sich die Beziehung zu ihm als Irrtum schönredet, ist die Verbindung des Gefühls zu seiner sprachlichen Inszenierung ganz gekappt. Jetzt entfaltet jene tellurisch-stumme Anziehung von neuem ihre Kraft, die man nicht nur aus der ersten Begegnung des Paars, sondern auch aus Kleists „Käthchen“ und Goethes „Wahlverwandtschaften“ kennt. So kommt es zu einem bezaubernd kleinlauten Happy End, das den Leser tatsächlich davon überzeugt, dass Senta und Thomas füreinander programmiert gewesen sind.

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