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Iris Hanika: Das Eigentliche : In Richtung Ausgang

Bild: Verlag

Mit ihrem Debüt „Treffen sich zwei“ gelangte sie bis auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Jetzt erscheint Iris Hanikas zweiter Roman, „Das Eigentliche“. Es geht um die Möglichkeiten des Lebens, Liebens und Schreibens nach Auschwitz.

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          Die Bewertung dieses Buchs hängt entscheidend an sechs Seiten. Sechs Seiten, auf denen insgesamt nur neun Worte stehen. Drei Seiten sind sogar ganz leer, auf den übrigen steht jeweils oben am Rand „Raum für Notizen“, sonst nichts. Das könnte man in einem Roman für einen billigen Gag erklären, doch das ist es nicht. Zumal nicht, wenn die Autorin Iris Hanika heißt, die in allen ihren Texten und vor allem mit dem Debütroman „Treffen sich zwei“, der es 2008 bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, bewiesen hat, dass ihr typographische und satztechnische Gestaltung von Erzähltem kaum weniger wichtig ist als der Inhalt selbst – konkrete Prosa, wenn man so will.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die drei Vakatseiten folgen der scheinbar provozierendsten Stelle von „Das Eigentliche“, dem zweiten Roman der siebenundvierzigjährigen Autorin. Er erzählt von Hans Frambach, der in Berlin als Archivar in einem „Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung“ arbeitet. Dort wird „die Dunkelheit, aus der dieser Staat vor langer Zeit hervorgekrochen war, in das hellste Licht gestellt und zu seinem Eigentlichen erklärt“. Deshalb der Titel des Romans – und weil das Leiden an der deutschen Vergangenheit für den 1962 geborenen Frambach das selbstverständliche Unglück begründet, dem er sich verpflichtet fühlt. Denn „es war nicht sein Unglück, sondern Das Unglück. Wenn er es von sich abzog, blieb nichts von ihm übrig.“ Dieses Unglück ist sein Eigentliches.

          Wenn die Beine sich selbstständig machen

          Eines Tages besucht er nach einer Tagung mit Überlebenden der Schoa die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. In dem ehemaligen Konzentrationslager merkt Frambach, dass er sich den Wegen der Häftlinge nicht entziehen kann, dass er genau auf den Spuren der Todgeweihten in die Gaskammern unterwegs ist: „Er konnte nicht umdrehen, jene hatten das auch nicht gekonnt.“ Aber dort, wo früher der Weg nach links ins Verderben ging, biegt der Nachgeborene plötzlich nach rechts ab, „vielmehr seine Füße hatten das getan, die hatten sich unter seinen Beinen von selbst nach rechts gedreht und waren in die Richtung gegangen, in die sie zeigten, nämlich die Lagerstraße hinunter zum Ausgang“. Als er durch das Tor getreten ist, das Lagergelände verlassen und die Landstraße erreicht hat, folgt im Text eine Leerzeile, nach der ein knapper Satz steht: „Und war frei.“

          Jeder Leser, der Iris Hanika für ihr Buch vor Augen gestanden haben mag, kennt das bösartige Motto, das die Nationalsozialisten über die Lagertore von Auschwitz setzten: „Arbeit macht frei“. Die Freiheit von Hans Frambach ist eine Zumutung, weil sie so leicht vonstattenging, weil sie genau durch das ermöglicht wurde, was er selbst kurz zuvor noch für unmöglich erklärt hatte: aus den Spuren der Opfer zu treten. Unvermeidlich ist dem Leser der Vergleich dieser Befreiung, die Hans Frambach empfindet, mit der, die sechs Jahrzehnte früher jene verspürten, die den Konzentrationslagern entkommen konnten. Wie steht es darum?

          Vermessen, obszön oder frivol?

          Gleich auf der zweiten Seite ihres Romans lässt Iris Hanika ihren Protagonisten darüber sinnieren, ob der Vergleich eigener Lebenssituationen mit den Erlebnissen der in Auschwitz Ermordeten eher als „anmaßend“, „vermessen“, „obszön“ oder „frivol“ zu bezeichnen wäre. Damit ist das Auge des Lesers von Beginn an geschärft, und auf Seite 133, als Hans Frambach das Lager verlässt, glaubt es für einen Moment nicht, was es liest. Doch dann folgen die drei erwähnten leeren Seiten – eine Generalpause im Schreiben, unausgewiesener Platz für Gedanken, und man sagt sich, dass zuvor doch nur geschildert wurde, was Frambach gedacht hat, dessen ganze Romanexistenz sich um die Frage dreht, ob man mit der deutschen Vergangenheit jemals fertig werden kann. Der an sich selbst beobachtet hat, wie der Schatten der NS-Verbrechen unfreiwillig vom eigenen Gemüt wich. Und der somit bei seinem Auschwitz-Besuch bereit war für ein Gefühl, das Frambach selbst als frivol einschätzen müsste, sobald er es explizit machte. Dieses Spiel der Figuren mit der Nazi-Terminologie und ihren Topoi durchzieht als Thema den ganzen Roman.

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