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Ioan Grosan: Die Kinokarawane : Filme, Macher, Mysterien Literatur

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Wenn sich der Sozialismus in der Provinz verliert, kann daraus ein filmreifes Vergnügen entstehen: Der rumänische Erzähler Ioan Grosan lässt die Ideologien auf die Menschen los - und den Humanismus siegen.

          Den ersten Band ihrer Reihe "Kleine rumänische Bibliothek" hat die Achilla Presse dem 1954 geborenen und hierzulande kaum bekannten Schriftsteller und Literaturkritiker Ioan Grosan gewidmet. Er bietet eine repräsentative Auswahl seiner Prosa, beginnend mit der 1985 veröffentlichten Debüterzählung "Die Kinokarawane". Die rund hundertdreißig Seiten umfassende Novelle spielt, wie auch die beiden kürzeren Erzählungen "Der Nachtzug" und "Heranwachsen", in der rumänischen Provinz.

          An einem trüben verregneten Tag kommt in dem kleinen siebenbürgischen Dorf Mogos ein Filmwagen der kommunistischen Partei an, der, von aufgeschreckten Rindern abgedrängt, erst einmal im Graben stecken bleibt. Der Propagandabeauftragte des Landkreises gibt seine Mission, die Dorfbewohner für den Sozialismus zu begeistern, aber auch dann nicht auf, als sich herausstellt, dass gerade mal eine Handvoll Bewohner im Ort verblieben sind - fast alle verdienen ihr Brot in der Ferne. Intendiert ist hier ganz offenkundig eine Parodie, die allerdings sehr realistisch daherkommt: So ungefähr dürfte einst der rumänische Kommunismus in den abgelegenen Winkeln des Landes tatsächlich funktioniert haben, und vermutlich auch deshalb konnte "Die Kinokarawane" seinerzeit überhaupt erscheinen.

          Gute Gedächtnishaftung

          Hinzu kommt, dass es dem Besucher, trotz der hinterwäldlerischen Zustände, die in dem Provinznest herrschen, schließlich doch gelingt, seinen Auftrag auszuführen - zum Teil jedenfalls. So muss die Vorführung in der auch als "Kulturhaus" fungierenden Dorfschule - gezeigt wird ein Kriegsfilm - abgebrochen werden, weil der Dorftrottel vor Angst zusammenbricht. Und dass auch der zweite Anlauf wegen eines regionalen Stromausfalls misslingt, kompensiert der wohlgemerkt ausnahmslos ebenso respektierte wie gefürchtete Parteibeauftragte immerhin mit der politischen Instruktion der hübschen neuen Dorfbibliothekarin. Zwar funkt es zwischen den beiden, aber noch ehe die Liebe keimen kann, ruft schon wieder die Parteipflicht: Allerdings kann die Kinokarawane erst weiterziehen, nachdem es den Behörden gelingt, die durch ein Hochwasser fortgerissene Flussbrücke durch eine provisorische zu ersetzen.

          Schon in diesem Erstlingswerk beweist die Gestaltung der Figuren die Fähigkeit des Autors, Charaktere differenziert zu zeichnen. Nicht umsonst blieb "Die Kinokarawane" den Rumänen im Gedächtnis haften, und so ist sie denn auch im vergangenen Jahr unter gleichem Titel und mit deutscher Unterstützung verfilmt worden.

          Universale Kraft

          War schon dem Debütanten Grosan die bewährte Verquickung von skurriler Komik mit einer wirklichkeitsnahen Szenerie gelungen, demonstriert er als bereits routinierter Schriftsteller in der Kurzgeschichte "Der Nachtzug" auf eindrucksvolle Weise, wie aus Alltagsbanalität surreale Magie gezaubert werden kann. Schauplatz der Handlung ist wieder ein Provinzwinkel, ein abgelegener Bahnhof, an dem die beiden einzigen Protagonisten - ein älterer Bahnhofswärter und ein jüngerer Weichensteller - der immergleichen Arbeit nachgehen. Sie müssen die Durchfahrt der Züge überwachen. Einer davon ist ein Nachtzug, der noch nie auf dieser Bahnstation gehalten hat und den Grosan durch raffiniert aufgebaute Dialoge zum Mysterium werden lässt. Die Faszination, die er auf den Weichensteller ausübt, mündet schließlich in Ungehorsam - die Geschichte wird zu einer Parabel über den Freiheitsdrang des Menschen.

          Das Freiheitsmotiv wie auch Grosans lyrisches Gespür bestimmen auch die letzte Erzählung, die einen Dorfjungen mit dem Tod des Großvaters konfrontiert. Die trotz ihrer unterschiedlichen ethnischen Herkunft unbeschwert miteinander spielenden Kinder und die in ihren Vorurteilen und Ritualen erstarrten Erwachsenen: Diese Aufteilung der Welt erzeugt eine Spannung, von deren universaler Kraft diese knapp achtzig Seiten lange Erzählung lebt. Dass der Autor die Handlung hin und wieder durch kurze Traumsequenzen des Hauptprotagonisten Claudiu unterbricht, steigert sie nur, auch wenn sich diese Versatzstücke zuweilen im Poetischen zu verlieren drohen. An Wirkung nur gewinnen dürfte übrigens diese sehr begrüßenswerte Reihe, wenn sich im Buch auch Angaben zu Autor und Werk fänden.

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