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Interview: Zadie Smith : Ich könnte nicht sagen, wer ich eigentlich bin

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Zadie Smith: Ihr neues Buch wurde bereits ausgezeichnet Bild: AP

Nach ihren Erfolgsromanen „Zähne zeigen“ und „Der Autogrammhändler“ erscheint nun das dritte Buch von Zadie Smith: „Von der Schönheit“. Ein Interview mit der englischen Schriftstellerin über Condoleezza Rice, Harvard-Studenten und den Unterschied zwischen Literatur und Musik.

          Eine Doppelhaushälfte im Londoner Stadtteil Kilburn. Zadie Smith, 30, wohnt hier zusammen mit ihrem Ehemann Nick Laird, der auch Schriftsteller ist. Nach ihrem Erfolgsroman „Zähne zeigen“ (2000) und ihrem zweiten Buch „Der Autogrammhändler“ erscheint jetzt ihr dritter Roman in der deutschen Übersetzung: „Von der Schönheit“. Er ist ein Familienroman, der an einem College in der Nähe von Boston spielt, und Zadie Smith bringt einem die Personen dieses Romans so nahe, daß man erstaunlicherweise anfängt, sich beim Lesen mit ihnen zu verwechseln. Immer ist sie dabei auch ironisch, verraten würde sie ihre Protagonisten nie. Wir gehen ins Wohnzimmer, wo alles hellgrün und weiß ist und an den Wänden keine Bilder, sondern viele alte Spiegel hängen. Zadie Smith serviert Tee und dreht sich die dünnsten Zigaretten, die man je gesehen hat. Sie spricht mit dunkler Stimme und sehr schnell.

          Ihr neuer Roman „Von der Schönheit“ ist in England und Amerika sehr gefeiert worden. Und obwohl man erst mal darauf kommen muß, haben doch alle gleich bemerkt, daß Sie eine alte Geschichte neu erfunden haben: den Familienzwist aus Edward Morgan Forsters „Wiedersehen in Howards End“. Warum?

          Forster gehört zu den Schriftstellern, die ich sehr, sehr mochte, als ich Anfang Zwanzig war. Ich habe immer viel Dickens und Hardy gelesen und die Bücher von den Bronte-Schwestern. Aber von Forster habe ich alles gelernt: Wie man schreibt, wie man Charaktere anlegt - er ist bei allem ja auch immer sehr lustig. Also war das Ausdruck meiner Dankbarkeit. Wissen Sie, worum es bei Forster geht? Ums Moralisieren. Menschen, die immer meinen, daß sie im Recht sind, werden eindimensional, starrsinnig und flach. Meine Figuren haben dasselbe Problem.

          Zadie Smith kann sich über den Erfolg ihres Romans „Von der Schönheit” freuen

          Ihr Roman erzählt die Geschichte von zwei verfeindeten Professoren und ihren Familien. Der eine, Howard Belsey, ist ein linker Weißer, der an einem College in der Nähe von Boston lehrt; der andere, Monty Kipps, ein schwarzer Konservativer von der Uni in London.

          Beide sind Rembrandt-Forscher. Sie sind beruflich Rivalen und politische Erzfeinde. Und sie kriegen ein Problem, als Howards Sohn sich in London in Montys Tochter verliebt und Montys ganze Familie kurz darauf für ein Gastsemester nach Boston zieht. Da können sie sich dann nicht mehr aus dem Weg gehen. Es ist das ganz große Familienchaos.

          Daß er mit seinem Starrsinn nicht weiterkommt, merkt allerdings nur Howard. Monty ist bis zum Schluß der konservative Schwarze vom Typ Colin Powell oder Condoleezza Rice, der es geschafft hat und sich permanent vom schwarzen Rest absetzt. Man hat nicht gerade den Eindruck, daß Sie ihn besonders mögen.

          Leute wie Colin Powell und Condoleezza Rice finde ich vor allem psychologisch interessant. Sie sorgen in der Black Community für viel Verwirrung und lösen in gewisser Weise auch Angst aus. Wann immer man etwas über Condoleezza Rice liest, tauchen diese seltsamen Vermutungen auf, daß sie lesbisch sei oder psychotisch. Daß sie möglicherweise einfach eine sehr erfolgreiche schwarze Frau ist, die sehr rechte Positionen hat und ihren Job ziemlich gut macht, will keiner so recht glauben. Ich ertappe mich selbst dabei, daß mir das immer wieder komisch vorkommt und ich nach psychologischen Erklärungen suche. Und das ist doch interessant: daß man, sobald die schwarzen Wurzeln für die politische Gesinnung einer Schwarzen keine Rolle spielen, sofort eine Störung vermutet.

          Sie meinen also nicht, daß Schwarze ihren schwarzen Wurzeln politisch verpflichtet sind?

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