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Interview : Ich sehe jetzt die Überlegenheit Bachmanns stärker

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Fand sie durch Celan ihre Erfüllung? Ingeborg Bachmann Bild: AP

Hat sich Ingeborg Bachmann ihrem Geliebten Paul Celan unterworfen? Wie verbinden sich das kreative und das erotische Moment in der Beziehung der beiden Schriftsteller? Ein Interview mit dem französischen Philosophen und Celan-Forscher Jean Bollack.

          Der französische Gräzist, Übersetzer und Philosoph Jean Bollack lernte Paul Celan im Jahre 1959 über den Literaturwissenschaftler Peter Szondi kennen - eine Dreierfreundschaft begann, die selbst die „Goll-Affäre“ überstand. Bollack wurde später zum Celan-Forscher. Provokant ist seine These, Celan habe der deutschen Geliebten Ingeborg Bachmann einen Pakt unter Dichtern angeboten: „Wenn Du Dich mir unterwirfst, lehre ich Dich zu dichten.“ Hier nimmt er - aus der intimen Kenntnis von Celans Leben und Lyrik heraus - Stellung zum jetzt edierten Briefwechsel des Dichters mit Ingeborg Bachmann.

          In den sechziger Jahren arbeiteten Sie noch an Ihrer vierbändigen kommentierten Empedokles-Ausgabe. Welche Bedeutung hatten die Gedichte Celans, mit dem Sie befreundet waren, damals für Sie?

          Ich war, wie andere Leute auch, durch den besonderen Klang und Zauber der Gedichte beeindruckt, angezogen von etwas, was ich nicht eigentlich verstand; zugleich wusste ich, dass Celan die Grundlagen einer völlig neuen Dichtung schuf. Als ich 1960 im Engadin deutsche und österreichische Gäste bat, mir bei der Lektüre von „Sprachgitter“ zu helfen, beschied man mich, das sei kein Deutsch. Allerdings gab es damals schon die Versuche unseres gemeinsamen Freundes Peter Szondi, etwa zum Gedicht „Engführung“, an die ich später anknüpfte. Mir war klar, dass ich viel zu investieren hätte. Die Erfahrung seither zeigt, dass auch Gedichte in ihrer eigenen Geschichte den Horizont ihrer Lektüre schaffen. Sie nehmen sich Zeit, sich ihr Verständnis zu erobern.

          In dem Ihnen und Ihrer Frau Mayotte gewidmeten Gedicht „Le Périgord“ (1964) schreibt Celan: „Ein weither Gekommener, schließt du / mancherlei Kreise, auch hier, / auch solcherart, in / verbrannter Gestalt“. Celan bringt Ihre Begegnung in seine Idiomatik, als Moment der Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden, und wohl auch als Mahnung. Welche Rolle spielte für Sie das gemeinsame Judentum damals?

          Die Freundschaft beruhte weitgehend auf dieser Zusammengehörigkeit; wir waren alle mit dem Jüdischen verbunden und zugleich in einer aufgeklärten Tradition. Celan hat sich gegen die Repression gewandt, die von der Religion und den Kirchen ausging. Das Jüdische im europäischen Raum war als kritisch und progressiv bekämpft worden; Celan gehörte zu den Protagonisten dieser Ausrichtung.

          Wurde darüber gesprochen?

          Der Hintergrund verstand sich von selbst. Celan hatte die ersten Gedichtbände meiner Frau und mir mit hebräischen Widmungen geschenkt, bei „Mohn und Gedächtnis“ hinzugefügt: „jüdischerweise“.

          Wie hat Ihre Freundschaft zu Celan die Goll-Affäre überstanden? Trotz Ihrer Zureden ihm gegenüber, es gäbe ihm Gemäßeres zu tun.

          Es gab Momente, wo er sich von aller Welt verlassen fühlte, da bildete ich keine Ausnahme. Doch unsere gemeinsame Sicht auf die Welt erwies sich als stärker und überlebte die Krisen.

          Früh gestanden Sie Celan das Recht als Dichter zu, „eifersüchtig über sein Verfolgtsein zu wachen“ (in einem Brief an Szondi). Waren die Gedichte Bachmanns, ihre Person oder ihre Zurückhaltung, die Celan enttäuschte, in den Gesprächen gegenwärtig? Bachmann hatte ihm zuletzt ja dieses Recht, besorgt um den Kranken, ausreden wollen.

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