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Interview : Ich sehe jetzt die Überlegenheit Bachmanns stärker

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Celan schrieb das Gedicht noch in Wien für Ingeborg, kurz vor seiner Abreise nach Paris. Es wird zu Recht als für die Beziehung fundamental betrachtet: Die Toten werden der Vereinigung beigesellt. Es ist das sehr wörtlich zu nehmen. Es sind jüdische Vornamen von Frauen; die Geliebte wird zur Fremden im Lande des Exils, sie wird zur Ägypterin. Die Assimilation bekommt ihren Sinn im Bereich der Dichtung; sie ist das Wasser, in dem sich die Evokation der Untergegangenen vollzieht. In den Gesten der Liebenden offenbart sich die Macht der Sprache. Das Haar der Fremden schwebt in den Wolken über den Öfen der Verbrennung. So können die Toten herbeigerufen werden; sie sind in die Fremde eingegangen; die Geliebte wurde verwandelt. Am Ende versteht sie, dass sie selbst den Mann, ihm in ihrer Metamorphose folgend, zu den Toten geführt hat. Die Darstellung in ihrer Extremität grenzt an Ungeheuerliches, sie überwindet einen Antagonismus, begründet die Möglichkeit, über etwas hinauszugelangen.

Das ist der Sinn der oft missverstandenen Zeile: „Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.“

Celan hat aus Bachmann etwas gemacht, das sie nicht war, wozu sie sich aber aus freien Stücken hergab. Man kann daraus folgern, dass es sich dabei um eine Erfüllung handelt. Das Dunkel, von dem in den Briefen wie in beider Gedichten immer wieder die Rede ist, ist in Celans Person und in seiner Kunst, auch in der Liebe vorhanden; es gehört intim zum Menschen, den Bachmann geliebt hat. Dieses Dunkel hat sie akzeptiert und durchgespielt, sie kannte es auch von sich aus.

Hat sich das im Laufe der Zeit verändert?

Im Grunde hat sich bis zu beider Tod nichts geändert.

Hat der nun veröffentlichte Briefwechsel Sie dazu gebracht, Ihre Deutungen zu korrigieren? Welche Lektüren befürchten Sie heute?

Die Publikation der Briefe bestätigt die Vermutung meiner Interpretationen, die mittlerweile nicht nur bekämpft, sondern auch benutzt wurden. Allerdings sehe ich jetzt die Überlegenheit Bachmanns stärker, und zwar im Rahmen derselben, damals erschlossenen Konstellation. Man stimmte mir, wenn auch schweigsam, zu, doch wollte man nicht aussprechen, was ich behauptete. Es wäre interessant zu überprüfen, in welchem Ausmaß die Bachmann-Forscher diese Fakten integriert haben, ohne ihre jeweiligen eigenen Positionen zu reflektieren. Es ist zu befürchten, dass die richtige Interpretation sich durchsetzt, aber sofort neuen Interessen dienstbar gemacht wird.

Wie ist, angesichts der starken Rollen, die Sie beiden geben, der Satz Celans zu lesen: „Du bist der Lebensgrund, auch deshalb, weil du die Rechtfertigung meines Sprechens bist und bliebst“?

Der Satz wäre zu beziehen auf seine Dichtung als deutsche, als deutsch-jüdische oder jüdisch-deutsche. Ingeborg Bachmann, als Ruth oder Mirjam judaisiert, wird zur höchsten, unübertreffbaren Legitimierung beiderseits. Sie dachten beide, es sei für immer, auch wenn sich das Zusammenleben nicht hat verwirklichen lassen. Sie lebten miteinander, zusammen oder getrennt, allein oder mit einem andern. Alles andere war zusätzlich und spielte sich daneben ab, neben dem Eigentlichen. Spielen ist kein unzutreffendes Wort. Es schließt die Intensität nicht aus, doch auch die Freiheit nicht, die Ungebundenheit, neben der unwiderruflichen Bindung.

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