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Interview : Ich sehe jetzt die Überlegenheit Bachmanns stärker

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Wie kam es zur Wiederaufnahme der Liebesbeziehung?

Bachmann bereitete sich vor, mit ihm zu leben. Sie wurde auch für ihn aktiv. Celan wäre sonst in Deutschland nicht in diesem Maß bekannt gewesen. Ingeborg wollte - als sie fast noch ein Mädchen war - den Existenzrahmen für beide schaffen, damit Celan dichten könne; das traute sie sich zu. Doch Celan mied vielleicht die Verbindung mit Deutschland und suchte andererseits zunächst das Häusliche mit Gisèle; er konstruierte ihre Ehe wie den Hort einer geschlossenen „Heiligen Familie“. Bachmann hingegen war die „Welt“, so dass er 1957 sie als das Weltoffene - in dieser Dialektik - wieder neben sein Zuhause stellen konnte, wenn er nach München fuhr. War er nicht beides?

Als Erster erkannten Sie in Ingeborg Bachmanns Gedicht „Exil“ ein Porträt Celans (bis dahin sah man darin ein Selbstbildnis): eine Satire, aus der intimen Kenntnis seiner Poetik heraus. „Ich mit der deutschen Sprache / dieser Wolke um mich / die ich halte als Haus / treibe durch alle Sprachen // O wie sie sich verfinstert . . .“: Schreibt Bachmann, selbst noch in der Gegenwehr, mit Celans Mitteln?

Man fragt sich, an wen ihr Gedicht gerichtet ist: Sie kämpft und schreit, doch an wen wendet sie sich, wenn er nicht da ist? Das Gedicht „Exil“ entstand, als sie Ende 1956 in Paris war und Celan wohl nicht getroffen hat. Bachmann mag die Reaktion Celans mit ausgelöst haben, seine Wiederkunft wenige Monate später. Sie lässt ihn in dem Hotel „des Friedens“ auferstehen - und daraufhin kommt er auch. Man kann sich fragen: Wer ist der große Bär ihrer Gedichte, schließt doch der Gedichtband mit der großen Flucht. Damit gelangt man in einen tragischen Konflikt, denn nun steht das Hotel gegen das Zuhause.

In welchem Verhältnis stehen Ihre Interpretationen der Gedichte von Celan und Bachmann zum neuen Biographismus?

Worum es den beiden ging, war das Wahre, das ich das Partikulare nenne. Hier treffen Celan und Bollack zusammen, und die Celan-Forschung ist über Jahrzehnte vor der biographischen Wende darüber hinweggegangen. Dieses Partikulare, das Celan schuf, war das Umwälzende in der Geschichte der Dichtung. Was er auch immer sagt, so bezieht es sich auf etwas Konkretes und Eigenes, sei es literarisch, kulturell oder privat. Die Sinnkonstitutierung vollzieht sich im Konkreten. Die Werke haben sich aus einer Einschränkung und Zensur aus eigener Kraft befreit. Die Genauigkeit der Gedichte Bachmanns ist anders: bei ihr unmittelbarer, in einer gewissen Weise natürlicher, sie dichtete, wie es ihr zusagte, und wie sie ihr eigenes Talent einschätzte. Dabei hat sie die Beziehung und die Inspiration durch ihr Gegenüber stets miteinbezogen. Dagegen ist die Sprache der Gedichte Celans in ihrer Besonderheit eigentümlicher oder, wenn man will, abgehoben und sekundär, was an der Idiomatik liegt. Celan wendet sich in den Briefen oft gegen die „Kunst“ und meint damit eine Reduktion, die er aufhebt. Jenes (konkrete und dann umgeformte) „Wahre“ wird heute falsch ausgewertet, an einen gegenwärtigen Erwartungshorizont angepasst, durch die Betonung des Pathologischen.

Mit dem Gedicht „In Ägypten“ setzt der Briefwechsel im Juni 1948 ein; Celan reflektiert eine Nähe, die vielleicht schon seit Januar bestand.

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