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Interview : Ich sehe jetzt die Überlegenheit Bachmanns stärker

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Celan bleibt in diesem Briefwechsel lange bei seinem Misstrauen, doch gilt es weniger Bachmanns deutscher Herkunft als der - wie er sagt - „ungenauen“ Sprache in ihren Briefen. Die Briefe werden damit, wie oft bei Celan, Exerzitien der Vorbereitung des dichterischen Sprechens, des idiomatischen Vokabulars, der Rolle der Pronomina. Gewinnt durch die Briefe neben der Tragik nicht auch die dichterische Produktivität ihr Recht?

Und zwar primär. Es waren zwei große Schriftsteller, doch das schließt nicht aus, dass eine Frau und ein Mann sich begegnet sind. Bachmann war Bachmann, auch wenn sie die Tochter eines engagierten Nazis war. Das Besondere hängt an ihrem Vermögen, auf die Situation des andern einzugehen. Darin zeigt sich ihre Größe, die Weite des Blicks und des Bewusstseins - das Einzigartige, das sie ausmacht. Sie besaß dies alles schon, bevor sie Celan kennenlernte: Es existierte auch außerhalb der Liebesbeziehung, und gerade so traf sich das Literarische mit dem Privaten und dem Erotischen. In den Gedichten ist sehr viel mehr vom Sexuellen die Rede, als man meint, damit auch von der Liebeskunst selbst.

Und das „Genaue“?

Wenn Bachmann sagt, sie liebe das Genaue, und Celan ihr antwortet, er liebe das Ungenaue, dann verortet er ihre „Genauigkeit“, negiert sie, weil sie zur literarischen Welt und zum Betrieb passt, in die Bachmann eintreten will (und es mit Erfolg tun wird). Celan wirft ihr die Konzessionen vor, die er für sich (und für sie) ausschließen will. Darum geht es zwischen ihnen. Benjamins Vorwurf, die Dichtung werde - mit Baudelaire - vom Literatentum abgelöst, lässt sich hier wiedererkennen; Celan schlägt sich mit der großen Dichtung. Seine eigene Positition ist intellektuell, sie ist frei und spekulativ. Gerade weil ihre Dichtung, trotz allem, sich unterschied, konnte Bachmann Celans eigene Anschauungen, auch seine Sprechweise in ihre Gedichte aufnehmen.

Fast die Hälfte von Celans Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ sind Liebesgedichte an Bachmann (dreiundzwanzig Widmungen „für dich“), der Band „Von Schwelle zu Schwelle“ gilt den Jahren „dazwischen“ mit Gisèle, und „Sprachgitter“ enthält wieder Liebesgedichte an Bachmann, und die es nicht sind, hat er ihr „gewidmet“ (einundzwanzig Gedichte). Später analysiert er wiederum in „Atemkristall“ das Verhältnis zu Gisèle. Ab wann aber las Celan - umgekehrt - Bachmanns Gedichte? Gibt es einen Gegenimpuls zu diesem Rhythmus?

Celan hat vermutlich die Gedichte Bachmanns erst am Ende der langen Pause, die von 1952 bis 1957 dauerte, gelesen. Er hat sie (wer weiß) vielleicht Gisèle erläutert und Ingeborgs Liebe und Qual aufleben lassen. Gisèle schrieb 1958, nachdem Celan die Beziehung wiederaufgenommen hatte, an Bachmann, dass sie nun ihre Gedichte gelesen und in ihnen erkannt habe, dass ihr Leiden in den vergangenen sechs Jahren viel schlimmer als das eigene gewesen sei.

In der Tradition der „Deutschstunden“, die Celan früher Gisèle gab?

Gisèle nutzt diese Übung in ihrem Sinn und legt für Celan eine Schlinge aus, denn einerseits sagte Bachmann zu Celan, er sei nun verheiratet, und andererseits betont Gisèle ihre Einsicht in die größeren Leiden der anderen. Sie hat ihm Ingeborg auf Zeit überlassen. Tatsächlich antwortet die wieder erwachte (oder nicht mehr unterdrückte) Liebe auf Bachmanns desperate „Lieder auf der Flucht“ (als Ende der Sammlung „Anrufung des großen Bären“, die im Oktober 1956 erschien).

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