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Interview : Ich sehe jetzt die Überlegenheit Bachmanns stärker

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Celan lernte Bachmann in Wien in einer von der Person her bestimmten Situation kennen. Ihr Eintreten für ihn, auf seiner Seite hat die Gegensätze überholt. Das gehört zum Wichtigsten in ihrem Liebesverhältnis. Man spielt gern den jüdischen Dichter gegen die Nazitochter aus, doch wenn es einen Konflikt gegeben hat, dann hängt er vielmehr mit dem Zwiespalt zusammen, der sich aus einer unterschiedlichen Konzessionsbereitschaft der Gesellschaft gegenüber ergab. Über Ingeborg Bachmann wurde von uns nie gesprochen. Gisèle war seine Frau.

Die Liebesbeziehung unterlag jahrzehntelang einer Zensur; erstmals sprach Werner Wögerbauer 1991 davon, eher beiläufig, denn ihm ging es um die Frage, wie Celan in seinen Gedichten auf jene von Bachmann einging. Sie verbanden 1994, für die Zürcher Bachmann-Celan-Tagung, die Liebesbeziehung mit beider Dichtung. Wie werden die Zuversicht, aber auch die damit verbundene Zumutung Celans, die Dichterin möge die ideale Geliebte sein, in Bachmanns Lyrik greifbar?

Durch die Fortschritte, die ich seit den achtziger Jahren bei dem Verstehen der Gedichte Celans machte, stieß ich auf das Verhältnis. Die Bedeutung der Beziehung und das Ausmaß der Hinweise wurden mir immer deutlicher. Eine unvoreingenommene Lektüre führte mich auf diesen Weg, nicht ein willkürlicher oder voyeuristischer Blick, den man mir vorwarf.

Auf der Zürcher Tagung kam es nach Ihrem Vortrag zu einem Eklat (die Herausgeber Sigrid Weigel und Bernhard Böschenstein nahmen denn auch Ihren Artikel nicht in den Band „Poetische Korrespondenzen“ auf). Die Tagung folgte, wie ich mich gut erinnere, dem Wunsch nach einem Geschlechterausgleich: Dem jüdischen Dichter sollte die Dichterin der Frauen standhalten.

Die Zuhörer ertrugen nicht, dass Bachmann etwas akzeptiert hatte, was man als machistisch betrachtete. Celan war für sie der bewundert Geliebte, oder der geliebt Bewunderte, der alles erwarten durfte. Ein Absolutum. Sie war außergewöhnlich; sie konnte das Außergewöhnliche anerkennen. Ihre Briefe sind oft überwältigend hart, prägnant und treffend.

Zu den Heimsuchungen der Philologie gehört ja prinzipiell, nicht in der Lektüre (und der Reflexion darauf), sondern in sekundären, den Werken oft äußerlichen Werten, Theorien oder Lebensformen einen Halt suchen zu wollen. Durfte man früher die Kunst nicht mit der Biographie verunreinigen, so wird heute alles von ihr (und den Krankheiten oder dem Liebesleid, ja selbst von der Lebenstüchtigkeit) hergeleitet.

Inzwischen hat sich die Lage völlig verändert, was damals tabu war, dominiert nun völlig. Das hat auch einen, mit dem Tabu verbundenen, methodischen Grund: Biographische Hinweise gehörten nicht zur Dichtung, und sie wurden von Gadamer und anderen bekämpft. Heute glaubt man, im Privaten aus dem Vollen schöpfen zu dürfen, als dränge sich das Biographische auf, und so will man die Hinweise einbauen, anstatt sie zu interpretieren, und verkennt, dass die Briefe ohne die Gedichte kaum zu verstehen sind. Das kreative und das erotische Moment verbinden sich. Der Briefwechsel zwischen Celan und Bachmann sollte erst 2023 erscheinen, und ich hatte mich damit abgefunden, die Bestätigung nicht zu erleben. Die interessante Frage lautet: Warum jetzt doch? Vielleicht weil die Publikation der Briefe zwischen Paul und Gisèle Celan auf die Beziehung dramatisch verwies. Die Veröffentlichung wäre so ohne Risiko.

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