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Interview : Flucht und Verteidigung

  • Aktualisiert am

Die Diskriminierung von Frauen und von Juden fällt in Ihrem Buch oft in einem Atemzug.

Ja, und eine Reaktion darauf ist: Diese beiden Dinge sind inkommensurabel, man sollte sie nicht vergleichen. Dahinter steckt: Den Juden ist es viel schlechter gegangen als den Frauen. Wenn man aber das eigene Leben beschreibt, stellt man fest, dass die Herabsetzungen, denen man ausgesetzt war, von beiden Seiten gekommen sind. Eine meiner besten Anekdoten - ich habe sie im Buch nicht erzählt, wahrscheinlich weil sie mir gerade nicht einfiel - ist die von einem Abend in Wien, wo ich einen Vortrag über Schnitzler gehalten habe. Da gab es einen Professor, mit dem wir im Anschluss noch essen gegangen sind, und er sagte: „Sie sehen ja so gut aus!“ Ich fragte ihn, was er denn erwartet habe? Und er antwortete: „Sie hätten ja auch eine hässliche Jüdin sein können!“ Ein Wiener Professor. Sie haben aber recht, dass die Frage der verschiedenen Diskriminierungen und der Ansprüche, die damit verbunden werden, grundsätzlich interessant ist, gerade jetzt in Amerika.

Sie meinen mit Blick auf die Präsidentschaftskandidaten?

Ja, denn es ging mit Hillary Clinton und Barack Obama um eine Frau und einen Schwarzen. Der Rassismus, wurde da gesagt, sei eine viel ernstere Geschichte als die Diskriminierung von Frauen, weil Frauen nicht so brutal behandelt worden seien wie die Schwarzen als Sklaven. Dagegen lässt sich einiges einwenden.

Sie waren also für Hillary Clinton?

Ich habe sie in der Vorwahl gewählt. Aber es sind beides gute Kandidaten, und ich bin überzeugt, dass Obama es schafft.

Ihr Buch erzählt auch von Ihren Söhnen und von der Frage, wie viel Sie, als Holocaust-Überlebende, Ihren Kindern von den Lagern erzählen wollten. Vermuten Sie wirklich, dass Ihr älterer Sohn „weiter leben“ nicht gelesen hat?

Er hat es wahrscheinlich gelesen, aber er redet nicht davon. Mit dem Jüngeren ist es anders, er hat freundliche Dinge darüber gesagt und es verschenkt. Das ist ja auch eine der Fragen im Buch, dass man nicht genug über seine eigenen Kinder weiß. Ich weiß nicht, was im Kopf meines Älteren vorgeht, und habe keine Lust zu fragen.

Sie gehen streng mit ihm ins Gericht. Wenn ich das als Ihre Tochter lesen würde . . .

. . . aber meine Kinder sind nicht die Adressaten des Buchs! Sie können ja gar kein Deutsch! Ich habe die ganze Zeit gedacht, wie gut, dass sie es nicht lesen können. Jetzt werden Sie sicher sagen, na ja, irgendjemand wird es ihnen übersetzen. Aber ich bitt' Sie, sie sind alt genug, das auszuhalten, sie sind in ihren Fünfzigern.

Sie haben sich in Ihrem Leben immer wieder von Orten und Menschen getrennt. „Unterwegs verloren“ liest sich auch wie eine Verlustanzeige.

Man sagt, dass der Reflex der Verteidigung entweder Flucht oder sich zur Wehr setzen ist. Meiner ist Flucht. Ich habe mich im Grunde selten mit Menschen richtig gestritten, ich bin eher weggegangen.

Martin Walser haben Sie Ihre Freundschaft allerdings öffentlich aufgekündigt, als sein Roman „Tod eines Kritikers“ erschien.

Das ist einer der ganz wichtigen Verluste, die eben auch nicht reparabel sind. Wenn Sie ein Buch eines Freundes für antisemitisch halten, dann war es das. Er hält sein Buch nicht für judenfeindlich. Weiß der Kuckuck, für was er es dann hält. Ich habe früher immer an die Dauer von Beziehungen geglaubt und musste feststellen, dass es so nicht ist. Ich dachte, dass es gewisse Dinge gibt, die bis zum Ende des Lebens halten.

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