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Inka Parei: Die Kältezentrale : Manche mögen’s kalt

Bild: Verlag

Das Rätsel des verschatteten Zwischenreichs: Inka Parei wirft in ihrem neuen Roman „Die Kältezentrale“ einen kühnen Blick von außen auf die DDR und sucht fieberhaft nach der gültigen Wahrheit.

          Es ist immer wieder überraschend, wie und warum literarische Stoffe plötzlich wieder Konjunktur haben. Nach Uwe Tellkamps epochalem Dresden-Roman „Der Turm“ von 2008 meinte man schon, die DDR sei fürs Erste auserzählt. Zumal im großen Mauerfalljubiläumsjahr keine substantiellen Werke folgten. Doch dann taucht in diesem Herbst plötzlich ein ganzes Bündel an Romanen auf, die sich alle mit dem seltsamen Land hinter dem Eisernen Vorhang beschäftigen. Da arbeitet sich Eugen Ruge an seiner DDR-Kader-Familie ab, erzählt Angelika Klüssendorf von den Frösten einer Jugend im Arbeiter-und Bauernstaat und Antje Rávic Strubel von dessen zerstörerischer Realität. Was Inka Parei, deren neuer Roman „Die Kältezentrale“ soeben erschienen ist, von allen anderen unterscheidet, ist ihr kühner Blick von außen.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Autorin ist gebürtige Westdeutsche, die 1967 in Frankfurt am Main zur Welt kam. Es zog sie zwar schon mit zwanzig Jahren zum Studium nach Berlin, wo sie seither lebt. Sie kennt die geteilte Stadt also noch aus eigener Anschauung. Doch der westliche Blick auf die DDR war literarisch bislang verpönt. Dabei ist die Außenperspektive nicht die schlechteste. Zumal, wenn sie über solches Einfühlungsvermögen und diese Detailversessenheit verfügt.

          Labyrinthische Monströsität

          Wenn Inka Parei in den Erinnerungen ihres namenlosen Ich-Erzählers das alte Ost-Berlin heraufbeschwört, taucht man augenblicklich ein in diese bizarre, versunkene Stadt mit ihren „zerfallenden Häusern und Schornsteinen, die den Geruch der Verbrennungsrückstände von Braunkohle verbreiteten“, mit den schwach beleuchteten Straßen, den Brandmauern oder Bahnbrücken, „auf denen die Parolen des Staates standen, Sätze wie: Hohe Leistung – starker Frieden oder: Der Mensch steht im Mittelpunkt aller Bemühungen.“

          In der Kältezentrale, die dem faszinierend erratischen Werk den Titel gibt, wurden damals die Druckmaschinen des „Neuen Deutschland“ gekühlt, die stets heißzulaufen drohten. Die schwere, kaum beherrschbare Anlage aus tschechoslowakischer Fabrikation, die es über die Testphase hinaus nie zur Serienproduktion brachte, ist nicht nur ein literarisch dankbares Setting, sondern vor allem Großmetapher auf die DDR und den vergeblichen Versuch, das Rätsel dieses verschatteten Zwischenreichs jemals zu lösen. Glasklar, fast nüchtern beschreibt Inka Parei die labyrinthische Monströsität und mechanische Dysfunktionalität der schauerlichen Maschinerie, ihre tiefen Kühlwasserbunker, die kalten Betonverliese, die giftigen Chemikalien.

          Reise in die Vergangenheit

          Anlass für die Zeitreise ist ein Anruf. Der Erzähler, der schon zu DDR-Zeiten in den Westen gegangen ist und sich dort eine bürgerliche Existenz aufgebaut hat, beginnt zum ersten Mal wieder über seine Zeit in der „Kältezentrale“ nachzudenken, als sich seine frühere Frau plötzlich bei ihm meldet. Sie liege mit einer Krebsdiagnose im Krankenhaus, sagt sie ihm. Und weil die Ärzte sich nicht sicher seien, welche Behandlung bei ihr anschlagen könnte, bittet sie ihn, die gemeinsam verlebten Maitage des Jahres 1986 zu rekonstruieren. Sie erhofft sich Informationen darüber, ob sie damals auf dem Verlagsgelände des „Neuen Deutschland“ in Berührung kam mit einem Lastwagen, der in Tschernobyl womöglich verstrahlt wurde. Außerdem soll der Erzähler herausfinden, ob ein Kollege von damals, der sich vom Dach der „Kältezentrale“ in den Tod gestürzt hatte, weil er gemobbt worden war, tatsächlich tot war. Die Erinnerung an diesen Hansmann reißt alte Wunden auf, denn der Erzähler gibt sich bis heute die Schuld an dessen Tod. Weil er glaubt, den jungen Mann damals nicht richtig beschützt zu haben vor den Anfeindungen der anderen Männer.

          Sei es die bizarre Großstädterin ihres Debüts, der sterbende Mann ihres zweiten, mit dem Bachmann-Preis geehrten Romans oder jetzt der Kältetechniker mit der Mission in ihrem aktuellen Buch: immer werden bei Inka Parei die Menschen auf sich zurückgeworfen, mit all ihren Schwächen, Fehlern, ihrem Verfall. Und stets führt der innere Monolog auf eine Reise in die Vergangenheit. In den assoziativen Wachträumen der Figuren fließen Realität und Wahnvorstellungen ansatzlos ineinander. Was ist Schuld? Ist die Vergangenheit wirklich vergangen? Was ist der menschliche Verstand? Diese Frage umkreist das Werk ein ums andere Mal.

          Lässt man sich mit Inka Parei auf die fieberhafte Suche nach der einen, der gültigen Wahrheit ein, wird es spannend wie im Thriller. Doch erwartet uns am Ende keine wärmende Erlösung aus der Kältekammer. Statt dessen werden wir Opfer einer optischen Täuschung. Alles hat sich ganz anders zugetragen. Oder doch nicht? Die Erkenntnis, unter falscher Annahme gelesen, ja gelebt zu haben, schockiert Leser und Erzähler gleichermaßen.

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