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Neuer Roman von Ingo Schulze : Die Rechten und die Rechtschaffenen

Der Schriftsteller Ingo Schulze Bild: dpa

Ingo Schulze ist mit seinem neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ völlig zurecht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Roman handelt von einem Buchhändler in Dresden, der nach der Wende rechtsradikal wird.

          6 Min.

          Der große Saal der Akademie der Künste in Berlin war am vergangenen Mittwoch Abend voll, als der Schriftsteller Ingo Schulze erstmals seinen neuen Roman vorstellte. Draußen leuchtete im Dunkeln das Brandenburger Tor, drinnen mussten einige Zuschauer sogar stehen, oder sie drängten sich oben auf der Empore. Und Ingo Schulze erzählte ihnen, wie er sie in die Falle locken würde. Wie er in „Die rechtschaffenen Mörder“, so heißt sein Buch, von einer alten Zeit erzählen wollte, in Legendenform. Ein bisschen so wie Joseph Roth, der in „Der Leviathan“ über seine Zeit so schrieb, als drehte er ein Fernrohr um.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wo Roth von einem jüdischen Korallenhändler in Galizien und einer untergehenden Welt erzählte, sollte es bei ihm ein Buchhändler sein. Also habe er die Geschichte des Antiquars Norbert Paulini aus Dresden-Blasewitz begonnen, einer Gegend, die ihm, Schulze, selbst als Schüler der „Erweiterten Oberschule Kreuzschule“ über vier Jahre hinweg das Zentrum der Welt bedeutet hatte. Bis ihm die ganze Angelegenheit fragwürdig vorgekommen sei. „Eigentlich kannst du so was nicht nochmal erzählen, aber du willst es nochmal erzählen“, erklärte er am Mittwoch in der Akademie.

          Wenn man das Buch zu lesen beginnt, weiß man das natürlich nicht. Man wundert sich über die altertümliche Sprache, den getragenen, schwerfälligen Stil, und weil zunächst nichts darauf hinweist, wer hier überhaupt spricht, fragt man sich, was denn mit Ingo Schulze los ist, So märchenonkelhaft kannte man ihn bisher nicht: „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.“ Das geht so weiter. Von „Knaben“ ist die Rede, vom „verbrauchten Odem einer von Schmieröl gesättigten Luft“.

          Wem dieser Stil so sehr gefällt, dass er beim Lesen mitschwelgt und die alte Zeit beschwört, der sitzt tatsächlich schon in der Falle: als bildungsbeflissener Leser, der einen Buchmenschen allein schon deshalb anhimmelt, weil er ein Buchmensch ist. Böse Menschen haben keine Lieder und Antiquare erst recht nicht. Was für ein Irrtum das ist und wohin der kontextlose Ästhetizismus führt – genau davon handelt „Die rechtschaffenen Mörder“.

          Wem der Märchenstil dagegen nicht gefällt, der läuft Gefahr, die Lektüre genervt wieder abzubrechen, was ein Fehler wäre. Ingo Schulze, der 1998 mit seinen Geschichten aus der ostdeutschen Provinz, „Simple Storys“, bekannt wurde und seither zu den wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellern gehört, wurde in den vergangenen Jahren manchmal vorgeworfen, in seinen Thesen zu erwartbar zu sein, zu offene Türen einzurennen; etwa in seinem kapitalismuskritischen Schelmenroman „Peter Holz“, der die Geschichte vom DDR-Waisenkind zum Millionär allzu plakativ erzählte.

          Zum Scheitern verurteilt

          Hier ist nun das Gegenteil der Fall: „Die rechtschaffenen Mörder“ ist in seinen Wendungen völlig überraschend, eine raffinierte Konstruktion, die eine aktuelle Frage stellt: Wie konnte es passieren, dass jemand, der zu DDR-Zeiten ein bewunderter Intellektueller war; ein Mann, belesen wie kein Zweiter, dessen Buchladen an Samstagvormittagen zum Treffpunkt für Gesprächsrunden, geisteswissenschaftliche Vorträge und Lesungen junger Gegenwartsautoren wurde – wie konnte dieser Mann zum Rechtsradikalen werden?

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