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Ingo Schulze: Was wollen wir? : Widerstand gegen die Sprachgewalt Literatur

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Bild: Verlag

Euphorie und Schleudertrauma: Die Differenz von Ost und West ist Ingo Schulzes Thema, doch seine Essays und Reden lassen längst eine Poetik der Fusion erkennen.

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          Die ostdeutsche Provinz ist eine Weltmacht. Ingo Schulze, ihr literarischer Porträtist, sorgt dafür, dass man von Island bis Brasilien die Gefühle und Gespräche der Wendegeneration nachlesen und vielleicht sogar nachempfinden kann. Die Liste der Übersetzungen seiner „Simple Storys“, seines Durchbruchs von 1998, aber auch seines monumentalen Briefromans „Neue Leben“ von 2005 ist beachtlich. Seine Helden sächseln in dreißig Sprachen weltweit. Am Beispiel der Ukraine erklärt Schulze den Exporterfolg historisch: In einer Laudatio auf den ukrainischen Kultautor Juri Andruchowytsch rühmt Schulze die orange Revolution dafür, dass sie den potentiellen Absatzmarkt für seine Bücher vergrößert habe: Seine Erzählungen taugten schließlich als Fortbildungsmaterial über das Leben in transformierten Gesellschaften. So hat die Wende den heute 47 Jahre alten Autor, der in Dresden geboren wurde und in der Kleinstadt Altenburg aufgewachsen ist, zum Kosmopoliten werden lassen.

          Schulze ist unterwegs in Sachen einer Literatur, die aus dem Osten kommt und über den Westen aufklärt. Das ist der Grundtenor einer Vielzahl von Kurztexten aus den vergangenen zehn Jahren, die jetzt als eigener Band vorliegen. Immer wieder hebt Schulze hervor, dass es ihm in den Wendegeschichten weder darum gehe, bloß das „Verschwinden des Ostens“ zu beklagen noch den Westen als „Endziel“ einer Heilsgeschichte darzustellen, sondern dass er die wechselseitige Veränderung des alten Ostens und des alten Westens beschreiben wolle. Angesichts des vitalen Chaos, das er mit Andruchowytsch in der Ukraine erkennt, wünscht er sich, einmal vom Osten träumen zu können, wie er früher immer vom Westen geträumt habe. In den Leipziger Poetikvorlesungen skizziert er anhand seiner Erzähltexte, wie der Kulturschock des Systemwechsels die Wahrnehmung schärft und eine ganz eigene Haltung hervorbringt: „Die Figuren haben andere Spielregeln erlernt als diejenigen, die plötzlich gelten. Sie reagieren mit Notwendigkeit anders, als wenn sie im Westen geboren worden wären. Ihnen sind die Freude und der Schock, das Staunen und die Unsicherheit dieses Weltenwechsels anzumerken.“ Bei der Übersetzung dieser Mischung aus Euphorie und Schleudertrauma in Literatur hat sich Schulz am Stil der amerikanischen Kurzgeschichte orientiert; damit signalisiert er nicht nur mit einem Augenzwinkern, im Westen angekommen zu sein, sondern er erhöht auch beim westlichen Publikum den Resonanzraum für seine Mitteilungen aus Ostdeutschland.

          Stilfragen sind politische Fragen

          So sehr die Differenz von Ost und West Thema bei Schulze ist, so stark wird doch auch in der Zusammenschau seiner Porträts, Vorlesungen und Glossen eine Poetik deutlich, die aus dieser Differenz längst eine Fusion gemacht hat und bei Ernest Hemingway oder Raymond Carver ebenso zu Hause ist wie bei Anton Tschechow oder Wladimir Sorokin und als deren übergeordneter Hausheiliger Alfred Döblin fungiert. Von ihm hat Schulze die Überzeugung übernommen, dass Stilfragen politische Fragen seien. Nicht die Avantgardisten und die Dissidenten beeindrucken ihn als literarische Lehrer, sondern die Konzeptualisten wie Sorokin mit seinem vielschichtigen Roman „Norma“; die Konzeptualisten wollten nicht das Volk erziehen, so Schulze, sondern relativierten die absoluten Wahrheiten der Propagandisten, indem sie die jeweiligen Stile kombinierten und in der Konfrontation die Verwandtschaft ihrer Mythen bloßlegten.

          Seinen emphatischen Begriff vom gesellschaftlichen Auftrag des Erzählens entwickelt er aus der „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, wo die Überwindung von Einsamkeit und Isolation im rückhaltlosen Gespräch unter Freunden als Grundbedingung des Widerstands demonstriert werde, ferner aus der Lektüre von Wolfgang Hilbig, den Schulze mit den Worten zitiert: „erzähle, sonst wirst du ohne Vergangenheit sein, ohne Zukunft, nur noch willenloser Spielball der Bürokratie“. Mit diesem intellektuellen Rüstzeug sieht sich Schulze gewappnet gegen den Sprachgebrauch der politisch, sozial und ökonomisch Mächtigen. Ihnen wirft er vor, mit ihrer Nomenklatur die Geschichte zur Natur machen zu wollen, indem sie etwa den typischen „Verlierer“ definierten, den Status quo nicht in Frage stellten und Zwänge stets als Sachzwänge anerkennten.

          Leichtfüßig

          Schulzes leichtfüßig verfassten Essays üben wie seine belletristischen Werke Widerstand gegen eine normierende Sprachgewalt aus. In den meisten Fällen vertraut der Autor dabei auf die Wirkungskraft der autonomen Kunst. Zu Schulzes Biographie zählt nun aber auch, als Jugendlicher die Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR erlebt zu haben und dabei einen Geschmack für die Vorstellung bekommen zu haben, dass Dichtung einen Staat ins Wanken bringen kann. Etwas von diesem Impetus ist zu spüren, wenn sich Schulze aufs Terrain der tagespolitischen Kulturkritik begibt.

          In der Rede, die dem Band den Titel gab und die als Dank für die Verleihung des Thüringer Literaturpreises 2007 entstand, nimmt er die Tatsache, dass das Preisgeld vom Energiekonzern E.on gestiftet wurde, zum Anlass, auf die „Refeudalisierung des Kulturbetriebs“ aufmerksam zu machen. Wenn der demokratische Staat nicht genug Geld habe, die Kunst vor der Abhängigkeit zu bewahren, müsse er eben die Gesetze ändern, heißt es da. Konkreter oder raffinierter wird es nicht. Schulze, der im erzählten Universum seiner Figuren ein Spezialist für Komik ist, gerät als politischer Rhetor in ein von ihm sonst so souverän vermiedenes Pathos. Er steht dort unter Strom, aber es springt kein Funken über.

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