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Ingo Schulze: Orangen und Engel : Flaneur mit Kinderwagen

Bild: Verlag

Klassik ist gerade jetzt. Dabei ist Ingo Schulze kein Italien-Reisender im klassischen Sinne. Er gibt den bescheidenen Otto Normalschriftsteller auf Stipendienfahrt.

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          Zur Standardausrüstung des klassischen Italien-Reisenden des neunzehnten Jahrhunderts gehörte das Skizzenbuch, in dem Landschaftszeichnungen, Veduten, Tempelfriese und andere Impressionen festgehalten wurden. Das Reisen und das Zeichnen waren untrennbar miteinander verbunden, bis die Erfindung der Fotografie das Skizzenbuch fast vollständig verdrängte.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Ingo Schulze ist kein Italien-Reisender im klassischen Sinne. Seine italienische Reise geht auf ein Stipendium zurück, das ihn und seine Familie für ein Jahr in die Villa Massimo nach Rom führte. Seine Anspielungen auf das Motiv der Italien-Sehnsucht, die deutsche Künstler seit Winckelmann in Scharen über die Alpen ziehen ließ, sind zaghaft bis sparsam. Keine kunsthistorischen Schwelgereien, kein ausgestelltes Kennertum, keine prahlerisch vorgeführte Genießerattitüde – Schulze gibt den bescheidenen Otto Normalschriftsteller auf Stipendienfahrt. Wo andere lustvoll oder auch nur pflichtbewusst Bildungsprotzerei betreiben, weil man sich als deutscher Schriftsteller zu der Überdosis Kultur, die Rom jedem Besucher aufzwingt, ja doch irgendwie verhalten muss, bleibt Schulze in seinen „Italienischen Skizzen“, von denen der Untertitel des Bandes spricht, ganz gelassen. Ein kleiner Wink mit dem Seume, dessen „Spaziergang nach Syrakus“ 1802 erschien und den der Stipendiat als Lektüre in die Villa Massimo mitgebracht hat, das muss genügen.

          Der Betrachter sieht, und er sieht nicht

          Schulzes Vatikanische Museen sind die Supermärkte, in denen der Familienvater die Einkäufe besorgt, die er dann im Kinderwagen nach Hause schiebt. Hier hat er seine größten Bildungserlebnisse, und hier macht er die demütigenden Erfahrungen der Halbbildung, der in Rom niemand entgeht. Zwar erkennt er sofort, dass die Gruppe der zugewanderten, meist dunkelhäutigen Männer, die die Einkäufe der Supermarktkunden in Tüten verpacken und zu den parkenden Autos tragen, eine strenge Hierarchie aufweist, aber er vermag das Zeichensystem ihrer Kommunikation nicht zu entschlüsseln. Es geht dem Beobachter im Supermarkt wie manchem Betrachter eines manieristischen Kunstwerks in der Gemäldegalerie: Er weiß, dass er mehr wissen müsste, um mehr von dem sehen zu können, was sich seinem Auge darbietet. Der Betrachter sieht, und er sieht nicht.

          Immer wieder sind es Alltagsbeobachtungen und Zufallsbegegnungen, die Ingo Schulze ins Zentrum der neun Texte stellt, die dieser Band versammelt: Ein alter Mann im Park, der den Töchtern des Erzählers Gettoni für den Spielautomaten schenkt; der zunächst indisch anmutende Tagelöhner im Supermarkt namens Gustl, der daheim in Rumänien von den Nachbarn Deutsch gelernt hat; oder Alberto, der für das deutsche Fernsehen als Kameramann arbeitet – sie alle sind zufällige Gesprächspartner eines deutschen Schriftstellers in Rom, der die intellektuellen Kreise der Stadt kaum je erwähnt. Und sie alle haben ihre Geschichten, überraschend bis verstörend und geheimnisvoll, die der Erzähler genüsslich wiedergibt, denn sie sind die eigentlichen Entdeckungen seiner Reise. Schulze will das Italien der Gegenwart erkunden, am Alltag teilhaben und ihn einfangen, zugleich aber in Allerweltsbegebenheiten das Außerordentliche, wo nicht gar das Unerhörte aufblitzen lassen – ein Widerspruch, an dem die Texte mitunter schwer zu tragen haben.

          Lässig-zielloses Umherstreifen in der Ewigen Stadt

          Schulzes Erzählerfigur ist kein schlechter, aber doch ein unfreier Beobachter, der sich selbst immer wieder misstrauisch ins Visier nimmt. Die Furcht, sich falsch zu benehmen, gegen einen fremden Verhaltenskodex zu verstoßen, ist der ständige Begleiter dieses rücksichtsvollen Reisenden, der an der kurzen Leine seiner eigenen Befangenheit läuft. Diese altmodisch anmutende Zurückhaltung ist durchaus sympathisch, aber sie fordert ihren Preis: Ein Flaneur, der bei jedem zögernden Schritt den Fehltritt fürchtet, gibt ein seltsames Bild ab.

          Aber das freie, lässig-ziellose Umherstreifen in der Ewigen Stadt ist ohnehin nicht Schulzes Element. Nicht das Fremde an sich ist sein Thema, sondern die Vielzahl der kleinen Verfremdungen, die das eigene Alltagsleben bei dem Versuch erfährt, es unter veränderten Bedingungen aufrechtzuerhalten. Der Leipziger Fotograf Matthias Hoch, ebenfalls zeitweiliger Bewohner der Villa Massimo, hat zu diesem Band knapp fünfzig Fotografien beigesteuert, die das beiläufig Alltägliche der Texte atmen, ohne ihren mitunter im Anekdotischen strandenden Novellenehrgeiz nachzuahmen.

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