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Ingo Niermann und Alexander Wallasch: Deutscher Sohn : Deutschland sucht das Superpflaster

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Bild: Verlag

Weggetreten in fernen Feuchtgebieten: Das Autorenduo Ingo Niermann und Alexander Wallasch hat das Trauma des Afghanistankrieges für die Literatur entdeckt und leider gleich wieder vergessen.

          Zuerst die gute Nachricht: Die deutsche Gegenwartsliteratur hat endlich, spät, sehr spät, zu spät den Krieg entdeckt, den die Bundeswehr in Afghanistan führt, auch wenn man ihn nicht so nennen darf. In ihrem gemeinsam verfassten Roman „Deutscher Sohn“ erzählen Ingo Niermann, Jahrgang 1969, und Alexander Wallasch, Jahrgang 1964, die Geschichte des kriegsversehrten Harald Heinemann, der von einem Anschlag in Kundus eine schwere Oberschenkelverletzung davongetragen hat. Jetzt die schlechte: Der Roman ist schlecht.

          Gut neun Monate nach seiner Verwundung sitzt der achtundzwanzigjährige Veteran, nach seinem Idol, dem Nationaltorwart Harald Schumacher, „Toni“ genannt, in einem „Reha-Pflege- und Wellness-Sessel“ im alten Wohnzimmer seiner Eltern in einem Nest im ehemaligen Zonenrandgebiet, konsumiert Schmerzmittel so regelmäßig wie billiges Bier aus der Plastikflasche, klickt sich durch Pornoseiten im Internet und hängt ansonsten den Erinnerungen an die „geschätzten dreihundert vollendete Geschlechtsverkehre“ seiner Vorkriegszeit an. Seine Sozialkontakte beschränken sich weitgehend auf seinen äthiopischen Pfleger Kanell, seinen Kumpel, den „Biersozi“ um die Ecke, und einen in seinem eigenen Müll versinkenden Alten im Nachbarhaus.

          Falsche Fährte

          Wie dieser Toni in seiner Bude dahinvegetiert, herummasturbiert und (manchmal) vor sich hin reflektiert – das sind sehr starke Szenen, für die die Autoren einen glaubwürdigen Ton zwischen Zynismus und Feldlager-Lässigkeit gefunden haben. So einen kaputten White-Trash-Typen muss man erst einmal hinkriegen, ohne ihn gleich komplett zu diskreditieren. Als ein – im Grunde unpolitisches – Opfer politischer Entscheidungen taugt selbst dieser Unsympath noch als Projektionsfläche des radikalen Pazifismus. Als der örtliche Kreisverband der „Linken“ Toni zu einem Vortrag über seine Kriegserfahrungen einlädt, erntet er sogar Applaus: „Wir danken unserem Freund Toni Heinemann für seine emotionalen Ausführungen und seine detaillierten Beschreibungen der Lage vor Ort.“

          Letzteres ist auch eine weitere Stärke des Romans. Die leider viel zu knappe Rückblende nach Kundus, die Toni in einer Art Seance in der Psychotraumatologie des Hamburger Bundeswehr-Krankenhauses durchlebt, die Ankunft dort, die scheinbare Ruhe, ein als Zitronenverkäufer getarnter Selbstmordattentäter, der Horror der Verletzung – das ist durchaus eindrucksvoll erzählt.

          Leider führt es den Leser auf eine völlig falsche Fährte. Denn dies ist keineswegs ein realistischer Roman über ein ernstes und wichtiges Thema, sondern vielmehr der kraftmeierische Versuch, noch den schwersten Stoffanker an Bord eines Papierschiffchens zu ziehen, eines metaliterarischen Spiels mit Verweisen und Versatzstücken nämlich. Es wirkt, als hätten die Autoren gewettet, dass man in verdrehter Alchimie noch aus einem hochkarätigen Stoff Blech machen kann. Das ist umgekehrtes Recycling: Nicht zufällig spielt Müll in den verschiedensten Darreichungsformen im Buch die Rolle eines Leitmotivs.

          Beschädigung auch der Männlichkeit

          Toni verliebt sich in die Schülerin Helen, die Kanell eines Tages als Praktikantin mitbringt und welche schon bald dem Pflegefall in sexueller Hinsicht jeden Wunsch erfüllt. Helen aber ist die Hauptfigur aus Charlotte Roches Bestseller „Feuchtgebiete“, und auch der „Äthiopier“ Kanell ist diesem Buch entsprungen. Er tritt dort unter seinem Vornamen Robin auf und wird zum Freund und Vertrauten Helens. Das männliche Gegenstück zu Charlotte Roche sollen also nicht die peinlichen Pubertätsspuren aus Heinz Strucks „Fleckenteufel“ sein, sondern die ewig durch alle Verbände suppenden und schwärenden Wunden des Kriegers – die schwache Stelle des ansonsten stahlharten Soldatenkörpers. Viel gut versteckte Theorie also einerseits – Klaus Theweleits „Männerphantasien“ lassen grüßen –, reichlich Porno andererseits.

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