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Inger-Maria Mahlkes „Archipel“ : Auf der Insel laufen die Uhren rückwärts

Ein Fahrrad ist für ihn nie nur ein Fahrrad

Felipe hat deshalb früh mit seiner Familie gebrochen und sein wissenschaftliches Leben der Aufarbeitung verschrieben. Die Spuren freilich sind nicht zu übersehen: Felipes Mutter trägt den Namen Francisca – benannt nach dem Diktator, dem sie einst als Kind zur Freude ihres Vaters Blumen überreichen durfte. Franco hatte hier ein kurzes, wenn auch unfreiwilliges Gastspiel. Als er 1936 als Oberbefehlshaber der Armee entlassen wurde, ernannte man ihn kurzerhand zum Militärkommandeur der Inseln. Die Demütigung, 1700 Kilometer von der Machtzentrale Madrid entfernt zu sein, hätte nicht größer sein können, zumal die insularen Jagdmöglichkeiten ihn enttäuscht haben sollen.

Was im Roman nun aber als Sittenbild kanarischer Gegenwart anfängt, mit den erwartbaren Spannungen zwischen Einheimischen und Touristen, nimmt Fahrt auf, wenn ein erzählerischer Rückwärtssalto nach dem anderen geschlagen wird. Kapitel für Kapitel arbeitet Mahlke sich in die Vergangenheit vor. Das Erzählverfahren hat den Reiz, dass vieles hier – wie in den Familien gedacht und nach welchen (unerklärlichen) Motiven gehandelt wird – sich erst im Nachhinein erschließt. Warum verfolgt Rosas hochbetagter Großvater Julio, der in einem Altersheim als Pförtner arbeitet, wie manisch Radrennen im Fernsehen? Erst als die Erzählung im Spanischen Bürgerkrieg angelangt ist, erfahren wir, dass Julio damals als Kurier im Einsatz war und von den Faschisten eingesperrt wurde – ein Fahrrad ist für ihn nie nur ein Fahrrad, sondern Vehikel in seine eigene Geschichte.

Traumata unter der Oberfläche

Unentwegt ist man mit blinden Motiven konfrontiert und Handlungen, deren Vorgeschichten vorerst im Dunklen bleiben. Das Geschehen zu ordnen fällt schwer, erst mit fortschreitender Lektüre werden zurückliegende oder auch je nach Betrachtung künftige Ereignisse verständlich, wie auch die alten Traumata, die knapp unter der Oberfläche lauern.

„Irreversibel“ könnte der Roman deshalb auch heißen, nach dem gleichnamigen und 2002 heftig umstrittenen Kinofilm, dessen Verfahren die Autorin hier in die Literatur überträgt. Hier wie da steht neben dem Erzählten auch die Erzählweise im Zentrum. Inger-Maria Mahlke will nicht allein von den Erlebnissen ihrer Protagonisten in Kriegen, Bürgerkriegen, Kolonialkriegen und Familientragödien erzählen, wer wie wo stand und deshalb heute wie wo steht. Sondern sie will mit der Verkehrung von Ursache und Wirkung vielmehr das Verhältnis von Zeit und Dasein an sich auf den Kopf stellen. Das ist radikal und manchmal unbequem zu lesen und hat doch größten Reiz. Denn wenn man die Uhr zurückdreht, funktioniert Linearität eben nicht mehr – und wer wollte schon behaupten, dass das historische Geschehen durch den Zeitlauf oder Kausalität bestimmt würde? Es sind die Ziele, Interessen und Absichten von Menschen, die Geschichte machen.

Mit den literarischen Möglichkeiten einer Insel haben vor Mahlke schon andere Autoren gespielt, etwa Lutz Seiler in „Kruso“ oder Thomas Hettche in „Pfaueninsel“. Auch im Mikrokosmos der Kanaren lässt sich gut beobachten, wie die Verhältnisse durch Machtwechsel oder touristischen Fortschritt umgedreht werden. Dass Mahlke in einer stark verkürzten Sprache schreibt, gehört zu ihrer Poetologie. Sie lässt weg, was ihr überflüssig erscheint in der Sprache, die sie wiederum mit spanischen und kanarischen Begriffen durchsetzt. Über den Glossar ist man dankbar – und über die Erkenntnis, dass das Verhältnis von Ursache und Wirkung nur für die Naturwissenschaften gilt, nicht aber für das Leben.

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