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Ingeborg Bachmann: Die Radiofamilie : Das Faustische in Onkel Guido

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Bild: Verlag

Ironie der Literaturgeschichte und Kunst der Philologie: In den fünfziger Jahren hat Ingeborg Bachmann für den Hörfunk das satirische Porträt einer Wiener Sippe entworfen. Nun liegt „Die Radiofamilie“ in kommentierter Ausgabe vor.

          Ingeborg Bachmann ist als Dichterin des Schmerzes und der Einsamkeit, als große Leidende in die Literaturgeschichte eingegangen. Ihre Tendenzen zur Selbstzerstörung und ihr schrecklicher früher Tod erschienen in solcher Mythisierung beinahe als Konsequenz ihrer Dichtung, als ob auch ihr auf Erden nicht zu helfen gewesen wäre. Obwohl sie vielfach als selbstbewusste und fröhliche Person wahrgenommen und geliebt wurde und obwohl sie selbst gelegentlich ziemlich robust mit ihren Liebhabern umging, hat sie das Bild einer vom fürchterlichen Vater und unverständigen Männern ruinierten zarten Seele nicht wenig befördert.

          Dazu passt, dass sie ihre Autorschaft von fünfzehn Folgen der „Radiofamilie“, einer im Nachkriegsösterreich populären Rundfunksendung, weitgehend verschwiegen hat. Bei dem amerikanischen Sender Rot-Weiß-Rot habe sie lediglich „mit dem Rotstift in der Hand“, also als Lektorin oder Redakteurin, gewirkt. Umso mehr erscheint es als Ironie der Literaturgeschichte, dass die von ihr verfassten Skripte zu der Sendung nun wie ein klassisches Werk, nämlich in einer nach allen Regeln der textphilologischen Kunst edierten und kommentierten Ausgabe, vorliegen.

          Populäre Schauspieler als Sprecher

          Die Kollegen beim Radio waren seinerzeit erstaunt, dass die gerade von der Universität gekommene „kettenrauchende Meerfrau mit Engelhaar“ sofort ein „untrügliches Gefühl“ für das Medium entwickelte, obwohl sie angeblich nie Radio hörte. Der akribisch ermittelnde Herausgeber Joseph McVeigh vom Smith College in Massachusetts erklärt sich das mit eifriger Lektüre der im Sender vorhandenen amerikanischen Standardwerke zum „Radio-Writing“ und dem seinerzeit noch neuartigen Muster der Seifenoper.

          Plausibler aber ist, dass die vielfältig belesene Fünfundzwanzigjährige auf eine Wiener Tradition zurückgegriffen hat, nämlich auf die dialektgefärbten Dialoge von Johann Nestroys Possen, auf Arthur Schnitzlers alltagssprachliche Episodendramatik und die satirische Zitiertechnik von Karl Kraus, mit der im heimeligen Wiener Tonfall die Bösartigkeit zutage trat. Der Bezug zum Theater war von vornherein auch dadurch gegeben, dass man als Sprecher populäre Schauspieler, vorwiegend von der Josefsstädter Bühne, einsetzte. Da sie ihre Vornamen behalten durften, waren sie für Wiener Theaterbesucher leicht kenntlich, was sicherlich zum Erfolg der Sendung beigetragen hat.

          Mutwillig zerschlagen

          Die Florianis wurden als Durchschnittsfamilie konzipiert, deren Hintergrund mit der österreichischen Geschichte verknüpft ist. Der Vater Hans ist ein Musterbild des korrekten Bürgers, ein paternalistischer, aber freundlicher Familienvater, er repräsentiert das anständige Österreich der Vorkriegszeit, das nicht auf dem Heldenplatz zum Jubeln antrat. Sein Bruder Guido, ein „trauriges Kapitel“ der Familiengeschichte dagegen, war Nazi, wenngleich nur a bisserl. Obwohl er sich als Opfer Hitlers begreift, verspürt er gelegentlich noch das Faustische in sich. Mutter Vilma ist eine Generalstochter aus Kroatien, nicht emanzipiert, sie war auch „noch nie auf einer Cocktail-Party“, aber doch dem Neuen gegenüber aufgeschlossen. In den Kindern Helli und Wolferl kommen die aktuellen Konflikte aus der Schule in die familiäre Diskussion. Selbst das Schnurli, das Wickelkind der Familie, hat seine Funktion in der satirischen Darstellung der Zeitungsastrologie und der neueren Erziehungsmethoden.

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