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Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen : Ein Platz im eigenen Leben

Bild: Verlag

Eine schicksalhafte Begegnung mit der Familie Mann: Inge Jens, die als Gefährtin des großen Gelehrten erst spät zu ihrer eigenen Autorschaft fand, erzählt die Geschichte ihrer Emanzipation.

          Was Thomas Mann konstatierte, als er im Sommer des Jahres 1953 von einer England-Reise zurückgekehrt war, darf auch die Herausgeberin seiner Tagebücher für sich in Anspruch nehmen: „Zufriedenheit nach bestandenen Abenteuern“. Inge Jens, der nichts fremder sein dürfte als saturierte Selbstgefälligkeit, blickt mit zweiundachtzig Jahren auf ein Leben zurück, das über Jahrzehnte hinweg in fast schon ehern festgefügten Bahnen verlief: ein Leben als Professorengattin in einem Provinzstädtchen. So könnte man es sagen, und vermutlich hat es Zeiten gegeben, in denen Inge Jens ihr Leben selbst auf diese Formel gebracht hat. Aber zugleich wäre nichts falscher.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn das Provinzstädtchen ist das „kleine große Tübingen“, die mehr als fünfhundert Jahre alte Universitäts- und Gelehrtenrepublik. Der Ehemann, Walter Jens, gehörte über Jahrzehnte zur Handvoll führender intellektueller Köpfe der Bundesrepublik. Und vor den editorischen Leistungen seiner Gattin gingen so unterschiedliche Temperamente wie Friedrich Sieburg, Joachim Fest, Fritz J. Raddatz und Marcel Reich-Ranicki einträchtig in die Knie, von denen allerdings nur der Erste kurz erwähnt wird. Die „Unvollständigen Erinnerungen“, die der Titel ankündigt, blenden vieles aus, gerade auch Privates. Was nicht unmittelbar zu der Bildung- und Emanzipationsgeschichte, die dieses Buch erzählen will, beigetragen hat, findet in der Regel keine Erwähnung. Selbst den Söhnen wird nicht viel Platz eingeräumt.

          Ohren- und Augenzeugin

          Inge Jens hat am intellektuellen Leben dieses Landes regsten Anteil genommen, sie zählte Köpfe wie Hans Mayer und Ernst Bloch, die Verleger Ernst Rowohlt und Helmut Kindler und den Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer zu ihren Freunden. Sie war Ohrenzeugin der legendären Telefongespräche ihres Mannes mit Marcel Reich-Ranicki, dem Freund in Frankfurt. Sie war dabei, wenn Loriot vor gemeinsamen Auftritten mit ihrem Mann akribisch die Bühne inspizierte, und ließ sich in Bayreuth in den Pausen von Wolfgang Wagners Inszenierungen deren Konzeption vom Prinzipal persönlich erklären. Mit den Beschreibungen ihrer Begegnungen mit Katia und Golo Mann würden andere ganze Bücher füllen. Sie hat also einiges zu erzählen. Und doch beginnt sie ihre Lebenserinnerungen mit einer Frage, die nur stellt, wer glaubt sich und sein Tun legitimieren zu müssen: „Warum schreibe ich dieses Buch?“

          Natürlich könnte man diese Eröffnungsfrage für eine Konvention halten, eine Demutsgeste alter Schule. Aber keine Antwort könnte in diesem Fall unkonventioneller und überraschender sein als jene, die nun folgt: „Weil ich merkte, dass es mir Spaß machte, mich mit mir selbst zu beschäftigen.“ Spaß? Wie passt das zur durch und durch hanseatisch-protestantisch geprägten Inge Jens?

          Erstmals Interesse an sich selbst

          Sie selbst spricht von einer „unerwarteten Erfahrung. Ich bin immerhin 82 Jahre alt und habe mich, soweit ich es weiß, noch nie sehr intensiv für mich selbst interessiert. Da überlegt man natürlich, wo denn wohl die Gründe für dieses plötzliche Vergnügen am eigenen Leben zu suchen sind.“ Begonnen hat dieses Leben 1927 in Hamburg. Inge Jens wird als ältestes von vier Kindern der Familie Puttfarcken geboren. Der Vater, Chemiker, ist in der SS, aber kein Nazi, wie die Tochter noch heute überzeugt ist. Mit zehn Jahren schreibt sie auf Geheiß der Mutter einen Aufsatz über ihre Begegnung mit Hitler, der ihr und anderen Kindern in der Empfangshalle des Dammtorbahnhofs die Hand schüttelt.

          Der Aufsatz ist im Buch abgedruckt, ebenso wie die Verteidigungsrede, die sie fast fünfzig Jahre später im Amtsgericht beim Mutlangen-Prozess hielt. Fünf Jahre später, 1990, steht das Ehepaar noch einmal vor Gericht: Man hatte zwei Deserteure der amerikanischen Armee bei sich aufgenommen. Beide Male waren die Weltkriegserlebnisse von Inge Jens entscheidend für ihr Verhalten. Die Erfahrung der Bombennächte, die Begegnung mit einer Frau, die ihr totes Kind umklammerte, die Operation, bei der einem Fünfzehnjährigen ein Bein aus der Hüfte operiert wird und Inge Puttfarcken als junge Krankenschwester Skalpell und Säge reichte – diese Erlebnisse haben sie zur Pazifistin werden lassen. Dass sie wie so viele ihrer Generation das Leid, das gleichzeitig anderen angetan wurde, nicht bemerkt hat, ist ihr bis heute unerklärlich.

          Ein Leben als Abfolge von Zufällen

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