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Ingar Sletten Kolloen: Knut Hamsun : Ein Hohelied auf die Inkonsequenz

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Bild: Verlag

Vom Schuhmacher zum Literaturnobelpreisträger: Ingar Sletten Kolloens Biographie über den norwegischen Schriftsteller Knut Hamsun lädt ein zur Wiederentdeckung einer hochkomplizierten Persönlichkeit.

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          Vor einigen Monaten hat Wolfgang Herrndorf in seinem Blog schöne Sätze über ein Bild des jungen Hamsun geschrieben: „Es hängt jetzt meinem Bett gegenüber, und der Gesichtsausdruck des Fünfzehnjährigen erinnert mich auf sehr sonderbare Weise an das, was ich ursprünglich einmal gewollt habe im Leben. Der trotzige, hellwache, angewiderte Blick, die Erkenntnis, dass diese Welt eine Zumutung ist, und der ablesbare Wille, ihr beizeiten noch mit der Axt den Schädel zu spalten. So gut wie Hamsun habe ich natürlich nie ausgesehen, aber ich weiß noch sehr genau, wie sich dieses Gesicht von innen anfühlte.“

          Daniel Kehlmann hat kürzlich ein enthusiastisches Nachwort zur Neuübersetzung von „Hunger“ verfasst - zwei neue Stimmen im großen Chor hamsunbegeisterter Autoren. Ob Hemingway, Henry Miller, Thomas Mann, Musil, Brecht oder Gorki - sie alle hielten „Old King Knut“ (James Joyce) für einen der bedeutendsten Schriftsteller ihrer Zeit, weil er auf einzigartige Weise Modernität und urwüchsige epische Kraft vereinte. Nach dem Aufstieg zum Weltruhm erlebte der Literaturnobelpreisträger von 1920 allerdings einen unvergleichlichen Absturz als Kollaborateur der Nationalsozialisten. In Norwegen war er lange eine ebenso tabuisierte wie unausweichliche Figur. Seit einiger Zeit wird er wiederentdeckt. Ein Standardwerk dieser Renaissance ist Ingar Sletten Kolloens Biographie in zwei Bänden: „Hamsun, der Schwärmer“ und „Hamsun, der Eroberer“. Für die internationalen Ausgaben vom Autor um die Hälfte gekürzt, liegt sie nun endlich in deutscher Übersetzung vor.

          Pionierwerke der Moderne

          Hamsun wurde 1859 als Knud Pedersen in der norwegischen Provinz geboren. Der spätere Gutsherr kam aus einfachsten Verhältnissen. Nach traumatischen Jugendjahren - er schuftete als eine Art Schreib- und Arbeitssklave bei seinem Onkel, einem autoritären Sektierer - begann er eine Schuhmacherlehre, war Amtmann und Hilfslehrer, zog als Hausierer die Küste entlang und begann zu schreiben. Der Durchbruch ließ auf sich warten. Hamsun hungerte in Kristiania und ging zweimal für längere Zeit nach Amerika. In Chicago war er Straßenbahnschaffner. Auf den Großfarmen des Mittleren Westens lernte er ungeahnte Formen der Menschenschinderei kennen - den amerikanischen Albtraum.

          Nach Europa kehrte er 1888 zurück. Inzwischen war das Publikum der naturalistischen Elendsinszenierungen überdrüssig und suchte psychische Raffinessen. Hamsuns Durchbruchsromane „Hunger“ und „Mysterien“ boten sie im Übermaß; es sind Pionierwerke der Moderne, delirierend, fieberhaft, wie man es von den Bildern Edvard Munchs kennt, mit dem Unterschied, dass Hamsun viel Komik hinzugibt. Die Hauptfigur von „Mysterien“, Johan Nilsen Nagel, ist ein raffinierter Hysteriker, der eine ganze Kleinstadt in Verwirrung stürzt. Das Faszinierende besteht darin, dass nicht nur über Nagel erzählt wird, sondern die Sprache selbst in den Nagel-Zustand gerät: eine geschmeidige, geistreich flirrende Verunsicherungsprosa, voller Gesten, Gebärden und Gelächter. Nichts verachtete Hamsun mehr als die Typenpsychologie à la Ibsen: „Ich träume von einer Literatur, bei deren Menschen die Inkonsequenz ein Grundzug ist.“

          Ein Gegner der Modernisierung

          Zugleich aber wurde er zum entschiedenen Gegner der gesellschaftlichen Modernisierung. 1911 erwarb er einen Bauernhof; das Landleben sollte seine zweite Frau, die Schauspielerin Marie Anderson, dem Theaterbetrieb und den „verderblichen“ Einflüssen der Stadt entziehen. Aber bald meldete sich der literarische Impuls zurück, und der späte Vater von fünf Kindern ging monatelang auf Reisen, um zu schreiben. Kolloen schildert das an Zumutungen reiche Familien- und Ehedrama der Hamsuns einfühlsam und mit feinem Sinn für existentielle Komik.

          Zu Hamsuns Widersprüchlichkeit gehört es, dass er - ungeachtet seines Lobs der Inkonsequenz - als zeitkritischer Publizist seinen Aversionen unerbittlich folgte: gegen die Briten, den Tourismus, die Frauenemanzipation. Bereits während des Ersten Weltkriegs erfreute er das deutsche Publikum mit solidarischen Beiträgen. Er lobte das vor Kraft strotzende Deutschland und argumentierte wie ein Youthbulge-Theoretiker: Nichts könne „den deutschen Geburtenüberschuss aufhalten“.

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