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Roman „Schläge“ : Die Ehe als Umerziehungslager

  • -Aktualisiert am

Sätze wie Hiebe: Die indische Autorin Meena Kandasamy. Bild: Picture-Alliance

Wenn der Gatte zum Politkommissar wird, helfen Bildung und feministische Überzeugung nicht mehr viel: Meena Kandasamys Roman „Schläge“ beschreibt indische Verhältnisse.

          3 Min.

          Gelebte Erfahrung sei unwiderstehlich, heißt es in Meena Kandasamys Roman über Gewalt in der Ehe. Das Etikett „autobiographisch“ wird dabei gern zur Marketingstrategie, die den Zeitgeistvoyeurismus bedient wie Endlosschleifen mit Reality Shows im Fernsehen.

          Dabei ist „Schläge“ viel mehr als die autofiktionale Verarbeitung eines Traumas, von dem die 1984 im indischen Chennai geborene Schriftstellerin rückblickend sagte, es sei allenfalls eine Fußnote in ihrer Biographie. Der auf James Joyce anspielende Untertitel („Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau“) verweist auf die längst vollzogene Ent- und Verfremdung des Gelebten. Das Intimste wird zum Prisma, das Private und Politische werden intensiviert, bis es sich zum Universellen weitet, ohne den kulturell-partikularen Kontext zu ignorieren.

          Die Geschichte ist schnell umrissen: Die anonyme Erzählerin, eine junge Journalistin mit Universitätsabschluss in Literatur und kreativem Schreiben, schliddert nach einer unglücklichen, weil heimlichen Liaison mit einem ambitionierten indischen Lokalpolitiker überstürzt in die Ehe mit einem Universitätsdozenten aus dem linksradikalen Milieu. Wie viele Intellektuelle ihrer Generation lebte auch sie im Traum einer egalitären Gesellschaft noch fort, lange nachdem dieser mit dem Zusammenbruch des Kommunismus begraben wurde und seine sterblichen Überreste als Zündstoff in den neuen nationalistisch-religiösen Flächenbränden aufgingen.

          Gefangen im Würgegriff des Ehemanns

          Sie erliegt dem Charme der revolutionären Rhetorik eines Möchtegern-Maos, bis sie, gefangen in einer ihr fremden Provinzstadt und tristen Suburbia, selbst zum Zielobjekt seiner ideologisch verbrämten Gewaltausbrüche wird. Primrose Villa, so eine Kulisse schreit nach Drama! Je mehr ihre Kontakte zur Außenwelt kontrolliert und unterbunden werden – Telefonate nur mit den Eltern in limitierten Zeitfernstern, E-Mail-Konten gelöscht, Laptopgebrauch und Internetzugang überwacht –, desto brutaler gerät die Beziehungsdynamik. Die Ehe wird zum Umerziehungslager, der Gatte zum Politkommissar. Bildung, feministische Überzeugungen, Erfolg im Beruf bieten, das wird überdeutlich, keinerlei Schutz vor häuslicher Gewalt.

          Nahezu ebenso quälend wie die Schläge erlebt die Erzählerin die Indifferenz ihrer Umgebung. Die Eltern fürchten ums Ansehen der Familie und raten zum Durchhalten, die linksliberalen Freunde negieren, dass Derartiges einer gebildeten Feministin widerfahren kann, die Außenwelt übersieht Warnzeichen. In den Erzählungen der Mutter mutiert das Martyrium ihrer Tochter zu einer elterlichen Schlacht gegen Kopfläuse und rissige Füße, in der die Rolle des Verursachers unter den körperlichen und seelischen Blessuren gänzlich verschwindet. Trotzig reklamiert die Geschundene die Urheberschaft am Narrativ: Lass dich nicht aus deiner eigenen Geschichte vertreiben!

          Worte, die wehtun

          Beschrieben wird mit der distanzierten Lakonie eines Filmskripts und dem visuellen Gespür einer erfahrenen Kamerafrau, wie nicht nur der Körper mit Verweis auf die reine Lehre malträtiert und vergewaltigt wird, mit den banalsten Instrumenten modernen häuslichen Daseins: Schläuchen, Laptopkabeln, Geschirr. Es sind Sätze wie Hiebe, deren atemloses Stakkato auch in der deutschen Übersetzung von Karen Gerwig ihre Wirkung nicht verfehlen. Kleidung, offene Haare oder Kosmetika werden zu dem Ehemann verhassten Insignien kleinbürgerlichen Daseins und prowestlicher Anpassung. Die Wut auf ihren Peiniger mischt sich mit verzweifelten Versuchen der Erzählerin, die Gewalt zu verstehen. Dabei generiert sie das Psychogramm eines Doppelgängers, eines Jekyll und Hyde, mit emotional karger Kindheit, Geltungssucht, Unsicherheit und einem Trauma aus dem maoistischen Guerrillakampf, der aber nach außen den fürsorglichen Ehemann mimt.

          Meena Kandasamy: „Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau“, Roman. Aus dem Englischen von Karen Gerwig. CulturBooks, 2020. Hardcover mit Lesebändchen. 264 Seiten. 22,00 Euro.
          Meena Kandasamy: „Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau“, Roman. Aus dem Englischen von Karen Gerwig. CulturBooks, 2020. Hardcover mit Lesebändchen. 264 Seiten. 22,00 Euro. : Bild: Culturbooks Verlag

          Selbst die Sprache, das Arbeitsinstrument der jungen Frau, mutiert zur Zone des postkolonialen Klassenkampfes. „Weißt du was? Die Hure war damals die Verbindung, die Brücke zwischen den Kolonisatoren und den Kolonisierten. Heute ist die Verbindung die Autorin, die auf Englisch schreibt“, schleudert man(n) ihr entgegen. In den intellektuellen Diskursen der Enkel und Urenkel der einstigen kolonialen Subjekte, so Kandasamy, lebe das Empire fort, als unbewältigte „Scham und Sünde“.

          In der unfreiwilligen Isolation, gefüllt mit stumpfsinnigen häuslichen Pflichten, wird die innere Stimme zum letzten Refugium, wie man es aus Erzählungen aus stalinistischen Straflagern kennt, wo ganze Bücher im Kopf entstanden. Sie schreibt Briefe an imaginierte Liebhaber, die sie vor der Heimkehr des Ehemannes wieder löscht, sie erinnert, rezitiert, begräbt die Verzweiflung unter Worten. Nichts ist dem Vulgärmarxisten verhasster als mehrdeutige Poesie. Dabei geht es auch um die unglückliche Liebe zu einem um Jahre älteren Politiker. Dieser zelebriert wahlkampfstrategisch das vermeintlich zölibatäre, asexuelle Junggesellentum eines ziegenmilchtrinkenden Ghandis oder Modis und setzt es dem Narrativ der machtgierigen, politische Erben produzierenden Nehrus entgegen. Promiskuität lässt sich so elegant verschleiern.

          Bereits in ihrem Romandebüt „The Gypsy Goddess“ (2014), deutsch 2016 unter dem Titel „Reis & Asche“ erschienen, klagte die Autorin vehement die vom indischen Staat sanktionierte Gewalt an. Darin wurde der Mord an mehreren Dutzend Dalit-Arbeitern, Angehörigen der Kaste der Unberührbaren, im Bundesstaat Tamil Nadu 1968 thematisiert, die sich erfolglos gegen die Willkür feudaler Landbesitzer gewehrt hatten. Auch „Schläge“ endet mit einer Niederlage: „Die Flucht kommt erst, wenn der Kampf verloren ist.“ Im gesellschaftlichen Kontext bleibt die häusliche Gewalt etwas Privates, der Täter kommt wie die mordenden Landbesitzer ungestraft davon. Wenn der Vater der ins Elternhaus zurückkehrenden Protagonistin zuruft: Geh weg, komm nie wieder, weiß sie, es ist ein Akt der Liebe. Mittlerweile lebt Meena Kandasamy in London, wo unlängst ihr dritter Roman, „Exquisite Cadavers“, erschien, in dem es um Fallstricke der Identitätspolitiken und die Interdependenz von Fiktion und Realität beim Schreiben geht.

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