https://www.faz.net/-gr3-qhcg

: In den Straßen von Paris

  • Aktualisiert am

Der Boulevard Haussmann ist eine der schicksten Prachtstraßen in Paris. Hier im Herzen der Stadt standen aber einmal schlichte Bürgerhäuser in furchtbar engen Gassen. Bis in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der Präfekt Georges-Eugène Haussmann entschied, Frankreichs urbanes Zentrum gründlich ...

          5 Min.

          Der Boulevard Haussmann ist eine der schicksten Prachtstraßen in Paris. Hier im Herzen der Stadt standen aber einmal schlichte Bürgerhäuser in furchtbar engen Gassen. Bis in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der Präfekt Georges-Eugène Haussmann entschied, Frankreichs urbanes Zentrum gründlich zu frisieren.

          Der Baron, dessen Namen der Boulevard nun  bewahrt, mochte die Enge nicht und das Elend. Abgesehen davon, daß abends Ratten über die Gehwege huschten und es an heißen Tagen entsetzlich stank, war ihm völlig  unerträglich, daß die großen, schweren Kanonen und Maschinengeschütze der Armee dort keinen Platz fanden. Sie konnten nicht aufgestellt und schon gar nicht korrekt bedient werden. Soll heißen: abgefeuert gegen Aufwiegler und Revolutionäre. Deshalb riß Haussmann das alte Paris ab und baute ein neues - weit, wohlhabend und waffentauglich. Jenes  also, das heute so geliebt wird von den  Leuten für seine blanken, kunstvoll gelöteten Blechdächer, wohl auch der Glasveranden wegen, der eindrucksvollen hölzernen Pforten und herrlich glitzernden Schaufenster.

          Es war ein sozialer Bruch, den Haussmann auf seiner riesigen Baustelle vollzog und auch ein geographischer. Westlich der Boulevards Sebastopol und Strasbourg, zur Oper hin, ließ sich nun das Großbürgertum nieder; im Osten und Norden siedelte, von hohen Mieten zwangsläufig an den Rand der Metropole gedrängt, das Proletariat.

          Haussmanns Stadt hatte gerade ihr neues Gesicht erhalten, da empörte sich das Pariser Volk gegen Obrigkeit und Monarchie. Die Obrigkeit, das war in jenen Tagen Napoleon III., Repräsentant des reaktionären Großbürgertums; das waren die Großindustriellen, die Stahl­ und Eisenbahnkönige, die Banken. Sie hatten dem Adel die Macht entrissen, herrschten nun an seiner Stelle und sahen sich konfrontiert mit einem aggressiven Preußenstaat, der soeben den Süden Deutschlands an sich ziehen wollte, zu preußischen Bedingungen.

          Mehr als 400 000 Arbeiter leben in Paris in diesen Jahren, arbeiten vierzehn bis sechzehn Stunden am Tag für einen Hungerlohn. Demonstrationen und Massenstreiks erschüttern die Kapitale, im Juli 1870 beginnt der Kampf gegen Preußen. Im Kampf gegen einen Feind von außen scheint die Situation im Inneren noch einmal gerettet. Doch Frankreich verliert den Krieg, einigt sich mit Preußens Bismarck, muß Elsaß und Lothringen abgeben. Das Volk von Paris glaubt sich verraten. Die von ihm aufgestellte und selbst finanzierte Garde hat der Nation gerade noch mit 350 000 Mann gedient; jetzt traut man der Regierung nicht mehr, bringt die eigenen Waffen und Kanonen auf dem hohen Plateau des Montmartre in Sicherheit. Es ist der 18. März 1871.

          An dieser Stelle beginnt eine Geschichte, die der Schriftsteller Jean Vautrin formuliert und der Comiczeichner Jacques Tardi (F.A.Z. vom 16. April) gezeichnet hat: die Geschichte der Kommune von Paris. Es ist das Gemälde des kurzen Lebens einer ganz besonderen Idee von Demokratie.

          Vautrins und Tardis Bilderzyklus "Le Cri du Peuple" ist eine eindringliche und anschauliche Lektion, ein wichtiges Detail zur Entstehungsgeschichte der Demokratien  europäischen Zuschnitts. Tardis Pariser Kommune - und ihr Bild ist sicher wahr und authentisch - wagt den täglichen Volksentscheid, zeigt die Probleme, mit und unter ihr zu leben und vor allem zu überleben. Ein wahnwitziges Unterfangen. Im hôtel de ville am Ufer der Seine diskutieren tagelang und basisdemokratisch Soldaten, Arbeiter, Abgeordnete, Senatoren über einen Plakatentwurf, eine Formulierung in den neuesten Statuten, eine Namensliste von Verrätern, die vor das Peloton sollen.

          Draußen, nur ein paar Straßen weiter, ein paar Häuserblocks vielleicht, wartet schon das bretonische Söldnerheer der nach Versailles geflüchteten Nationalregierung, um die Kommune zu zerstören, ihre Vertreter zu töten, sie ein für allemal aus dem Gedächtnis des Volkes zu löschen. Die Kommune überdauert zweiundsiebzig Tage.

          Weitere Themen

          Ein gefallener Engel

          Plácido Domingo wird 80 : Ein gefallener Engel

          Tenor-Ideal des Machismo: Plácido Domingo bewies in seiner langen Karriere Ehrgeiz, Vielseitigkeit und Ausdauer – bis sein Erfolg in Anmaßung umschlug. Heute wird der Sänger achtzig Jahre alt.

          Freud, der Fetisch?

          Merchandise im Museum : Freud, der Fetisch?

          Wahrlich erlesen: Die Neue Galerie in New York verkauft ein teures Nippes-Paket. Enthalten ist unter anderem eine Sonnenbrille, wie sie der Begründer der Psychoanalyse einst getragen hatte.

          Topmeldungen

          Biden-Präsidentschaft, Tag 1 : Er hat sich viel vorgenommen

          An seinem ersten Tag im Amt nimmt Joe Biden zahlreiche Regelungen von Donald Trump zurück. Der neue Präsident will den Klimaschutz voranbringen und den Kampf gegen Corona besser koordinieren – Hindernisse sind allerdings schon programmiert.

          Party für den Präsidenten : Eine große Werbeveranstaltung für Joe Biden

          Anstelle des traditionellen Balls wird für Joe Biden eine virtuelle Party mit vielen Stars veranstaltet. Doch das als gutgelaunte Feier getarnte Event entpuppt sich als PR-Video. Gerade im Fahrwasser der Trump-Regierung wirkt diese Lobhudelei befremdlich.
          Eine amerikanische und eine chinesische Flagge vor dem Sitz eines amerikanischen Unternehmens in Peking

          Kurz nach Bidens Amtsantritt : China verkündet Sanktionen gegen 28 Amerikaner

          Die Vergeltungsmaßnahme richtet sich gegen frühere Minister und Mitarbeiter der Trump-Regierung. Sie dürfen nicht mehr nach China, Hongkong oder Macao einreisen. Ein Wechsel von der Politik in die Wirtschaft könnte für sie damit schwerer werden.
          Infektion der anderen Art: Hacker erpressten die Funke-Mediengruppe durch sogenannte Ransomware.

          Funke nach dem Cyberangriff : Wir haben ihre Daten!

          Nachdem die Funke-Mediengruppe Ende Dezember Opfer eines Cyberangriffs geworden war, musste sie ihre gesamte IT-Struktur binnen weniger Wochen wieder aufbauen. Nun will man den Notfallmodus wieder verlassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.