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Imre Kertész: Letzte Einkehr : Ich habe stets gearbeitet, als würde ich ein Attentat begehen

Unvorstellbare Entfremdung durch Auschwitz

Was von der schriftstellerischen Arbeit abhält, wird verflucht, mit kleinen Abstrichen, wenn es um die Musik geliebter Komponisten wie Beethoven und Bartók, Mahler und Schönberg, um Konzertabende oder um die Treffen und Gespräche mit engen Freunden geht. Die völlige Konzentration auf den Schreibvorgang spendet Glücksmomente, ruft aber auch Schuldgefühle hervor. Der Ton dieser Aufzeichnungen ist wechselhaft: mal ironisch, heiter und von souveräner Verspieltheit, dann apodiktisch, bitter und nicht selten abgrundtief verzweifelt. Urteile sind in der Regel hart, ob es um einen nicht beim Namen genannten „weiblichen Guru des Holocaust“ mit dem zum Holzschnitt erstarrten Indianergesicht geht oder, fast im selben Atemzug, um Rousseau und seine Ansichten über die Natur des Menschen: „Mein Gott, Rousseau hat sich geirrt; er konnte ja nicht einmal seine eigene Natur beurteilen.“ In solchen Passagen atmen diese Tagebücher die Freiheit und Nonchalance des Selbstgesprächs, Einreden und Widerreden inbegriffen: „Ich bin nicht zynisch, ich spreche nur die Wahrheit aus, was so wenige tun oder zu tun wagen; für mich hingegen ist es inzwischen egal.“

Doch im Kern dieser schmerzhaften Selbsterkundung geht es um anderes, Wichtigeres. Die unvorstellbare Entfremdung, die Auschwitz bedeuten musste, hat Imre Kertész zu einem Werk geführt, das seinesgleichen nicht hat. Aber nun kündigt sich die Entfremdung vom eigenen Werk an: Wie schon im 1993 erschienenen „Galeerentagebuch“, das den Zeitraum der Jahre zwischen 1961 und 1991 umfasste, soll aus dem Tagebuch ein Roman hervorgehen, der weder Tagebuch noch Roman ist. Noch einmal soll ein großes Buch entstehen, „ein radikal persönliches Buch, bis schließlich nichts mehr übrig bleibt (Die letzte Einkehr). Den Weg zu Ende gehen, im wörtlichen Sinn. Die Figur zerrütten, zermalmen, vernichten. Aber möglichst ohne jede Erklärung, vor allem ohne jede sogenannte Philosophie.“

Einblicke in die eigenen Abgründe

Der Vorsatz ist gefasst, doch die Kräfte schwinden. Außerdem fordert der „literarische Hauptgewinn“, der Nobelpreis, die große „Glückskatastrophe“, seinen Tribut, der Ruhm arbeitet wie ein „Räderwerk, das mich langsam erwürgt, zerquetscht, verschlingt“. Der schreibende Autor Kertész und die als erfolgreicher Autor Kertész auftretende Person sind immer weniger identisch. Ja, er schreibe über Auschwitz, sagt er am 11. Oktober 2001 zu seinem Stiefsohn Marci, „aber man hat mich nicht dazu nach Auschwitz gebracht, damit ich den Nobelpreis erhalte, sondern damit ich umgebracht werde“.

Neun Tage später hält Kertész fest, was er in einem Tierfilm gesehen hat, die herzergreifende Geste eines sterbenden Vogels. Zwei Vogeljunge schlüpfen aus dem Ei, der Stärkere drängt den Schwächeren sofort aus dem Nest. Jetzt liegt das Kleine schutzlos in der Sonne, „umgeben von Gottes blutrünstigen Geschöpfen, die das sterbende Tier bereits erspäht haben und sich anschicken, es zu verschlingen. Da hebt der Vogel noch einmal den Kopf und lässt ihn dann in den Staub zurückfallen. Wäre ich Gott, hätte mich dieser Anblick sicher dazu gebracht, das totale Scheitern der Schöpfung einzugestehen.“

„Letzte Einkehr“ ist das Echolot, das ein großer Schriftsteller in die eigenen Abgründe gerichtet hat, groß in seiner Wahrhaftigkeit, verstörend in seiner Zerrissenheit: „Ob es mir beim Sterben hilft, dass ich nie gelebt habe?“ Letzte Zeilen, von einer Knochenhand „auf das schäumende Wasser“ geschrieben. Am heutigen Samstag wird Imre Kertész vierundachtzig Jahre alt.

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