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Imran Ayata: Mein Name ist Revolution : Sind wir nicht alle so was von da?

Bild: Verlag

Der Held vom Bateau Ivre: Imran Ayatas Debüt „Mein Name ist Revolution" erklärt die Liebe und den Bankrott. Zugleich ist es eine Hommage an das wilde Leben.

          Diese Geschichte beginnt mit einer Party und endet mit einem Kater. Dazwischen liegt nicht eine Nacht, sondern ein ganzes Jahr, was insofern konsequent ist, als der Held dieser Geschichte, der fünfunddreißig Jahre alte Ich-Erzähler Devrim Bulut, in Berlin lebt, eine nächtliche Sendung im Radio moderiert und tatsächlich ein Dolce Vita von nahezu Hegemannschen Ausmaßen pflegt. Das ist ihm vergönnt, weil seine Eltern einst im Lotto gewonnen und dem einzigen Sohn nach ihrem frühen Unfalltod ein beträchtliches Vermögen hinterlassen haben. Dieses Geld macht Devrim Bulut wirklich zu einem glücklichen Menschen, es macht ihn aber auch zu einem Sonderling.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn während sich seine Freunde um Umschulungsmaßnahmen bemühen oder über Doktorarbeiten verzweifeln, pendelt er tagein, nachtaus mit dem Taxi zwischen seiner Wohnung, dem Studio und den liebsten Bars. Vor allem wegen dieses Lebenswandels erinnert „Mein Name ist Revolution“, der Erstlingsroman, den der türkischstämmige Imran Ayata nun vorgelegt hat, an ein anderes Debüt, das in diesem Jahr erschienen ist, Tino Hanekamps „So was von da“.

          Reise in die türkische Heimatstadt

          Ähnlich wie Hanekamp, der im richtigen Leben als Geschäftsführer des Nachtclubs „Übel & gefährlich“ in Hamburg sein Geld verdient, die Handlung seines Romans im Nacht- und Szeneleben seiner Heimatstadt ansiedelte, konzentriert sich auch Ayata auf einen kleinen Kiez, in dem er sich auskennt. Sein Held bewegt sich vorzugsweise zwischen Kreuzberg und Mitte, wandelt vom „Café Einstein“ ins „Bateau Ivre“, vom „Rheingold“ ins „103“ und führt im Großen und Ganzen ein ebenso unangepasstes wie ritualisiertes Dasein. Ayatas Buch ist eine schöne Hommage an das wilde Leben, an die große Stadt und die guten Freunde, an einen Alltag zwischen Rausch und Reue, der keine existentiellen, aber metaphysische Mängel kennt, er ist Liebes- und Bankrotterklärung in einem.

          Letzteres vor allem deswegen, weil sich von diesem Buch nicht behaupten lässt, dass es auch nur die Anlage eines Bildungsromans in sich trüge, wie man es eigentlich erwarten würde. Die Dinge um Devrim Bulut geraten zwar in Bewegung, als er seinen Job als Radiomoderator verliert, weil er einem Gast, der alles und jeden als Nationalsozialisten beschimpft („Die Jahreszeiten in Berlin sind Nazi. Die polyfonen Klingeltöne sind Nazi.“), nicht energisch genug das Wort abschneidet. Außerdem lernt er Rüya kennen, eine wunderschöne junge Türkin, die ihn dazu bringt, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Tatsächlich begibt sich Devrim Bulut auf eine Reise in seine türkische Heimatstadt Dersim, wo seine Eltern beerdigt wurden.

          Er hat dieses Nest in der ostanatolischen Einöde nie besucht, wie der Zufall will, stammt Rüya aber aus derselben Gegend, so dass er nun hofft, sich durch die Reise dorthin vor allem ihr zu nähern. Diese zwar nachvollziehbare, aber doch sehr selbstbezogene Motivation nimmt das Ergebnis seiner Fahrt dann allerdings schon vorweg. Denn Devrim fühlt nichts, als er an dem staubigen Grab seiner Eltern sitzt, er kann die Rührung, die seine Ankunft bei den Verwandten auslöst, nicht teilen, überhaupt fremdelt er in dem Kaff, das die Zeichen von Armut und Landflucht so wenig verbergen kann und mit seinem Berliner Alltag so wenig zu tun hat.

          Passt Rotwein oder Whiskey besser?

          Und in diesem unsentimentalen, aber grundehrlich wirkenden Ausgang seiner Fahrt liegt dann doch so etwas wie eine Botschaft des Romans. Devrims Versuch, eine Beziehung zur Geschichte seiner Herkunft zu knüpfen, scheitert, weil er nicht zulässt, dass ihn diese Geschichte in irgendeiner Weise ändert. Und warum sollte sie auch? Die Kämpfe, die seine Eltern in den siebziger, achtziger Jahren von Deutschland aus gegen das türkische Militärregime führten, sind seine nicht mehr. Auch die typischen Probleme der zweiten Einwanderergeneration, ein subtiler, aber latenter Rassismus, der ihren Aufstieg erschwert, teilt Devrim Bulut nicht, weil ihn das Geld seiner Eltern unabhängig gemacht hat. Insofern ist er wirklich ein „Alleiner“, wie er sich selbst nennt, aber keineswegs nur, weil er zuweilen einsame, von Panikattacken verdorbene Nachmittage in seinem privaten Diskozimmer verbringt. Sondern weil seine Geschichte idealtypisch für nichts steht, weil sie nichts über den Einzelfall Hinausweisendes erzählt.

          Dies ist das Grundproblem, das sich mit der Konstruktion der Hauptfigur in diesem Roman verbindet. Gut möglich, dass sich Imran Ayata ausgerechnet mit dem größten Coup seiner Geschichte, dem Lottogewinn der Eltern seines Helden, um die Möglichkeit gebracht hat, in seinem Buch echte Konflikte zu behandeln. Gut möglich ist auch, dass dies gar nicht seine Absicht war. Einen echten Konflikt, also einen, der nicht nur um die Frage kreist, ob gerade Rotwein oder Whisky besser passt, brauchte es allerdings schon, wenn man am Ende der Lektüre zu dem Schluss kommen soll, dass man es hier mit einem wichtigen Werk zu tun hat. Das hat man nämlich nicht. Man hat ein schönes, uneitles, unterhaltsames Buch gelesen, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

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