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: Imperium der Worte

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Das Volk begegnet ihm brummig und widerwillig, haut ihn übers Ohr, flickt am Ende aber alles wieder zusammen, so dass der Zauber des Authentischen neu entsteht. Auf den vierhundert Seiten dazwischen breitet Bitow in polyphoner, nie linearer, stets offener Erzählweise ein Panorama der Tauwetterjahre aus, die mit Stalins Tod 1953 begannen und Mitte der sechziger Jahre in eine neue bleierne Zeit mündeten; jene Atempause im Kommunismus, als die Zeit plötzlich wieder "geschwätzig" wurde, als die Angst, ein ständiger Begleiter der Russen über Jahrzehnte, für einen kurzen Moment von ihrer Seite wich und sie zu glauben begannen, dass sie endlich umziehen könnten aus der ständigen Nachbarschaft zum Unglück in die Nähe des Glücks.

Die Revolution habe, so Ljowas Großvater, das Alte ja nicht zerstört, ganz im Gegenteil, der Bruch habe die Konservierung erst ermöglicht, der Kanon der russischen Literatur sei unversehrt, Russland verändert sich immer, und doch verändert es sich nie. Dieses Motiv wird im Roman an verschiedenen Themen aus der russischen Literatur exerziert, die überaus geistreich und amüsant zu lesen sind und die Bitow, auch das gehört zur Methode, mit einem später entstandenen literatur- und zeitgeschichtlichen Kommentar versehen hat, der erstmals auf Deutsch zu lesen ist.

Das Buch ist eine Hommage an die russische Literatur und die Russen, die stets gegen Eiszeiten anschrieben und lasen und die wie Bitow selbst vor allem auf die Zeit vertrauten, die das Wort wie ein eisernes Hemd schützt, "damit alle Geschosse falscher Bedeutungen neben dem behexten wahren Sinn einschlagen!" Und es ist eine Hommage an die Sprache, nicht nur die russische, an die Imperien der Worte, die es als einzige zu bewahren gilt, weil sie uns überstehen.

Das Nachwort von Rosemarie Tietze liefert heute, wo diese "Epoche minderer Güte", wie Joseph Brodsky das Ende des Tauwetters einmal nannte, fast vergessen ist, Einblicke in die schmerzhafte, immer wieder verzögerte Drucklegung des Romans. Wer meint, den reichen literarischen Bezügen des Puschkinhauses - von Fjodor Tjutschew über Lew Tolstoj bis hin zu Alexander Block - nicht gewachsen zu sein, der sei auf den Kommentar des Autors verwiesen: Es handele sich hier um nichts anderes als den Schulstoff zur Erlangung der mittleren Reife. Da möchte man einen berühmten Zeitgenossen Puschkins in Abwandlung zitieren: "Russland, du hast es besser . . ."

SABINE BERKING

Andrej Bitow: "Das Puschkinhaus". Roman. Aus dem Russischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Rosemarie Tietze. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 590 S., geb., 29,80 [Euro].

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