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: Immer der Nase nach

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Viele Literaturen haben heute ihre Einheimischen und ihre Einsteiger, die mehr als nur ihre Schuhe gewechselt haben. Es gelingt nur wenigen Glücklichen, von oben in die amerikanische Literatur einzusteigen, etwa Louis Begley. Vorgestern war er noch ein polnischer Junge mit falschen Papieren, mit ...

          Viele Literaturen haben heute ihre Einheimischen und ihre Einsteiger, die mehr als nur ihre Schuhe gewechselt haben. Es gelingt nur wenigen Glücklichen, von oben in die amerikanische Literatur einzusteigen, etwa Louis Begley. Vorgestern war er noch ein polnischer Junge mit falschen Papieren, mit seiner jüdischen Mutter auf der Flucht von Versteck zu Versteck, studierte aber später in Harvard, arbeitete jahrzehntelang als Jurist an der Wall Street und schreibt jetzt amerikanische upper class-Romane, als hätte er Henry James und Edith Wharton schon im herrschaftlichen Kinderzimmer gelesen.

          Andere, weniger Glückliche, wie der Bosnier Aleksandar Hemon, mußten andere Wege gehen, taten dies aber mit nicht weniger Talent und Energie. Hemon blieb als junger Stipendiat in Amerika hängen, als seine Heimatstadt Sarajevo unter Artilleriebeschuß geriet, und fing - sein Harvard waren die Straßen von Chicago - von unten an, ohne Sentimentalität, ohne klassische amerikanische Vorbilder (es sei denn der zugereiste Nabokov) und von der Frage bedrängt, wer er denn eigentlich sei: der eine, ein verwunderter Gymnasiast und Guitarrenspieler aus dem zerfallenden Jugoslawien, oder ein anderer, der Immigrant in Illinois, der in mühsamen Stundenjobs nicht genug verdiente, um seine Miete zu bezahlen.

          Man darf Hemons Roman "Nowhere Man" mehr oder minder bequem von vorne nach hinten lesen und sich an den Lebensbericht des Immigranten halten, der langsam die neue Sprache lernt und dabei die merkwürdigsten Umstände in Kauf nimmt, als ob sie ganz natürlich wären. Viel nützlicher allerdings, und Hemons komplizierten Absichten gerechter, wäre es, mit dem Ende zu beginnen und dann noch einmal mit Kapitel eins und zwei fortzufahren. Der Epilog, datiert "Kiew 1990 - Schanghai August 2000", skizziert die Lebensgeschichte eines merkwürdigen Zeitgenossen namens Jewgenij oder auch Captain Pick, der sich als fernöstlicher Landzerstörer, Weltmann, Bordellbesitzer und unermüdlicher Erzähler seiner Lebensgeschichten etabliert, "mit allerkleinsten, plausiblen Details", die ebenso "gefangennehmen wie das chinesische Meer von Wodka", in welchem die Zuhörer ihr Gedächtnis ertränken (der Erzähler behauptet, Captain Pick sei in Kiew als Sohn eines Kosakenobersten und einer vergewaltigten jüdischen Mutter zur Welt gekommen).

          Warum überrascht Hemon die überraschte Leserschaft, noch knapp vor Torschluß, mit so einer wunderbar abstrusen Biographie? Captain Pick interessiert ihn, weil er ein Spion war, der nacheinander für die Sowjets, die Japaner und die Amerikaner arbeitete. Das Entscheidende ist nicht, daß Pick sich den Geheimdiensten verschrieb, sondern daß er, je nach Dienst, seine Identität wechselte. Dies ist die Frage, die Hemon im Auge behält, wenn er von seinem Freunde Jozef Pronek - einst Sarajevo, jetzt Chicago - berichtet. Die Geschichte von Captain Pick erklärt genau, wenn auch spät, die wesentliche Absicht des neuen Romans und seine komplizierte Struktur zugleich, denn auch der Roman von Pronek ist, ganz wie Picks Lebensbericht, "ein Zyklus ineinander verzahnter Geschichten" von seiner Geburt bis in die Gegenwart. Im Grunde hat Hemon, auch in seinem früheren, in englischer Sprache verfaßten Prosaband, der vor drei Jahren in Amerika erschien - nie etwas anderes als verzahnte Geschichten geschrieben.

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