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: Im Zugabteil mit großen Worten

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Die Rückkehr der Juden nach Palästina ist nicht nur eine politische, sondern immer auch eine geistige Bewegung gewesen. Die Widerstandskraft, welche die junge Gesellschaft entwickeln mußte, beruhte unter anderem auf dem Reichtum der kulturellen Quellen, die in die Neugründung des jüdischen Kollektivs eingeflossen sind.

          Die Rückkehr der Juden nach Palästina ist nicht nur eine politische, sondern immer auch eine geistige Bewegung gewesen. Die Widerstandskraft, welche die junge Gesellschaft entwickeln mußte, beruhte unter anderem auf dem Reichtum der kulturellen Quellen, die in die Neugründung des jüdischen Kollektivs eingeflossen sind. Eines ihrer Sammelbecken war die Hebräische Universität, wo die Traditionen Europas einen Ort fanden: Hugo Bergmann brachte seine Philosophie, Josef Tal seine Musik, Moshe Barasch seine Kunstgeschichte nach Jerusalem - um nur einige von vielen Namen zu nennen.

          Zu ihnen gehört auch Lea Goldberg. Ihr Forschungsgebiet war die europäische Literatur, die sie an der Jerusalemer Universität in der von ihr gegründeten Abteilung für Komparatistik verankerte. Dem breiteren Publikum aber war sie als Dichterin bekannt, und mehr noch als Autorin von Kinderbüchern. Obwohl sie selbst keine Kinder hatte und auch nie verheiratet war, hatte sie ein spontanes, unmittelbares Verhältnis zu Jugendlichen. Die Bücher, die Lea Goldberg für sie geschrieben hat, gehören zu den Klassikern des Genres, Generationen von Israelis sind mit ihnen aufgewachsen.

          Lea Goldberg kam 1911 in Königsberg zur Welt und verbrachte ihre Jugend in Kaunas, der damaligen Hauptstadt Litauens. Dort nahm sie ihr Studium auf, setzte es in Bonn und Berlin fort und emigrierte 1935 nach Palästina. Es war der typische Lebensweg einer in den Krisenjahren Europas herangewachsenen Zionistin, die ihre Gedichte schon früh auf Hebräisch veröffentlichte und sich im Tel Aviv der dreißiger Jahre dem Kreis um Abraham Schlonsky anschloß. Dort hatten die jungen Literaten des Landes ihr Zentrum.

          Aber das europäische Erbe, das sie ins Land bringt, begleitet sie ihr Leben lang. Um die Jahreswende 1936/1937 erscheint der Roman, der jetzt, mit fast siebzigjähriger Verspätung, in der schönen Übersetzung von Lydia Böhmer auf Deutsch erschienen ist. Er führt uns an den historischen Punkt zurück, an dem das persönliche Schicksal der Ich-Erzählerin zum Schicksal einer ganzen Generation zu werden beginnt, und in der Form, die Lea Goldberg ihrem Roman gibt, findet dieser Umstand einen deutlichen Ausdruck.

          Die junge Frau, die hier spricht, befindet sich auf einer Reise durch Europa. Wir wissen das, weil sie von verschiedenen Orten aus - Berlin und Köln, Brügge, Ostende, Paris - Briefe an einen Geliebten schickt, deren Texte den Roman bilden. Sie entstehen im Oktober und November 1934, als Hitler längst an der Macht ist, und die Reise entpuppt sich schnell als Flucht.

          Es ist eine Flucht in doppeltem Sinne. "Ich weine nicht", beginnt der erste Brief, auf der Fahrt nach Berlin geschrieben. "Nun weine ich nicht mehr. Nur ist es mir etwas eng im Zugabteil mit dem großen Wort für immer." In Wirklichkeit sind es Abschiedsbriefe, die sie an den Geliebten richtet, denn auf seiner Seite ist die Liebe längst zu Ende gegangen, so sie überhaupt je bestanden hat. Wir lesen keine Antworten von ihm, und im Laufe der Lektüre wird immer klarer: Die Texte sind Monologe einer Ambivalenz, die über das Persönliche weit hinausreicht.

          Das künstlerische Medium Lea Goldbergs ist die Lyrik, und der Briefroman ist dieser Schreibbewegung angepaßt. Die Verfasserin teilt den Text in kleine Einheiten auf, die sie wie Prosagedichte gestaltet. So heißt der Geliebte Immanuel, und die junge Frau heißt Ruth. Sind in diesen Namen auch der Philosoph ihrer Geburtsstadt verschlüsselt, Kant, und die Frau des Boas in der Bibel, die aus einem anderen Volk zu den Juden kommt? Deutet Goldberg an, daß die Schreibende sich von einer fremden Kultur löst und zu den eigenen Wurzeln zurückkehrt?

          Auf jeden Fall ist es ein Abschied voller Wehmut. "In meinen Briefen an Dich", so lesen wir im letzten Absatz des Romans, "war viel Melancholie. Viel sprach ich von Einsamkeit. Dieses Kapitel ist noch nicht beendet, und es wird auch nicht so bald beendet sein, wird wahrscheinlich nie beendet sein. Hier lasse ich einige Tränen zurück. Es werden nicht die letzten sein, ich weiß es. Und meine Liebe zu Dir lasse ich noch nicht zurück, ich nehme sie mit mir, obwohl sie meine Schritte nicht zur Ruhe lenkt - und ich an eine Begegnung nicht glaube, Ruth." Man kann Ruths Liebe zu Immanuel auch als eine Allegorie lesen, in der die Europäerin Lea Goldberg ihre Trennung von einer Kultur beschreibt, von der sie sich nie wirklich lösen wird. Das bringt sie in vielen Briefen zur Sprache. Im mittelalterlichen Stadtkern von Brügge zum Beispiel denkt sie an das Gleichnis von den Blinden, das Pieter Bruegel gemalt hat. "Die Symbolik dieses Bildes hat sich mir jetzt erst zur Gänze entfaltet", heißt es. "Die Gesichter der blinden Bauern, die sich dem Fluß nähern und nicht wissen, daß sie sogleich ins Wasser stürzen werden - das ist doch die fleischgewordene Angst, die noch nicht weiß, daß sie Angst ist. Ja, jetzt weiß ich, daß aus dieser Stille heraus, aus der ewigen Ruhe dieser Straßen, die von uferlosen Meeren träumen, jene blinde Furcht geboren werden kann, die mit offenen Augen, die nicht sehen, was vor ihnen liegt, geradewegs in den Abgrund des Nichts blickt."

          Aus der Tiefe der europäischen Kultur holt Lea Goldberg die Symbole, die ihr helfen, eine schwierige Gegenwart zu deuten. Erstaunlich ist, daß sie das schon mit 25 Jahren gesehen hat, zu einem Zeitpunkt, als der Krieg noch in weiter Ferne lag. Und nicht weniger erstaunlich ist, daß ihr Roman entsteht, während sie schon in Tel Aviv lebt. Es ist eine imaginäre Reise, auf der sie ihre Briefe verfaßt, und sie findet nur noch in ihrer Vorstellung statt, an den Orten ihrer Erinnerung.

          JAKOB HESSING

          Lea Goldberg: "Briefe von einer imaginären Reise". Aus dem Hebräischen übersetzt von Lydia Böhmer. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 111 S., geb., 16,90 [Euro].

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