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: Im Winkel der Toten

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Im November 1983 besuchte ich die peruanische Stadt Ayacucho, damals und auch manche Jahre später die Stadt mit den meisten Terrortoten auf der Welt. Freunde und Kollegen in Lima rieten ab von der Reise in die dreihundert Kilometer südlich in den Anden-Bergen gelegene Stadt. Keiner wollte mitfliegen, das ...

          Im November 1983 besuchte ich die peruanische Stadt Ayacucho, damals und auch manche Jahre später die Stadt mit den meisten Terrortoten auf der Welt. Freunde und Kollegen in Lima rieten ab von der Reise in die dreihundert Kilometer südlich in den Anden-Bergen gelegene Stadt. Keiner wollte mitfliegen, das sei zu gefährlich, vor allem für Journalisten und Politiker, die bevorzugten Opfer des Leuchtendes Pfades, dieser besonders brutalen terroristischen Organisation "Sendero Luminoso". Denn nirgendwo auf dem amerikanischen Kontinent wurde man damals so schnell umgebracht wie in Ayacucho oder den umliegenden Bergdörfern - ob von Terroristen oder übernervösen Sonderpolizisten, den sogenannten "Sinchis".

          Tagsüber gingen die Leute in Ayacucho noch auf die Straße oder den zentralen Platz, die Plaza de Armas. An der Plaza de Armas liegt die 1970 gegründete Universität von Ayacucho. Diese Hochschule sollte sich besonders um die Studenten aus den Andendörfern kümmern. Die Beziehungen zwischen den durch Stipendien geförderten und in Wohnheimen lebenden Studenten und den meist jungen Professoren gestalteten sich sehr eng; der Einfluss der Dozenten auf die jungen Indios und Mestizen war außerordentlich groß. Über das Programm der "Kulturverbreitung" erreichte die Universität auch abgelegene Ortschaften. Die anscheinend in einen langen historischen Schlaf versunkene Bevölkerung des unterentwickelten Departements Ayacucho wurde wach. Unter den jungen Professoren der Universität zeichnete sich Abimael Guzmán durch besondere Geduld mit den Studenten aus. In der Universitätsbibliothek kann man in der Dissertation von Guzmán über die Philosophie Kants, ein dünnes Heft, nachlesen. Von dem autoritär regierenden, derzeit wegen Verstoßes gegen die Menschenrechte angeklagten und inhaftierten Präsidenten Fujimori festgenommen, verbringt Guzmán eine lebenslängliche Freiheitsstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis. Der von Guzmán gegründete Leuchtende Pfad legte auf die Leichen der getöteten Menschen Zettel mit Aufschriften wie "hingerichtet als Verräter", "als Polizeispitzel bestraft". Besitzer kleiner Läden wurden als "Wucherer" oder als "Ausbeuter des armen Volkes" hingerichtet. Zahlreiche Kühe wurden getötet, weil, wie auf den später verteilten Handzetteln erklärt wurde, "ihre Milch an die kapitalistische Gesellschaft verkauft wurde". Armen Bergbauern wurden schlimme Bestrafungen angedroht, wenn sie ihre Erzeugnisse, deren Erlös sie vor dem Hungertod bewahrte, an die "Zentren der feindlichen Macht", die großen Städte, verkauften. Wenn es begann, in Ayacucho dunkel zu werden, liefen die Leute nach Hause und verließen ihr Haus bis zum nächsten Tag nicht mehr. Journalisten, die für peruanische Medien ständig aus Ayacucho berichteten, gingen nur tagsüber und dann nie ohne Revolver in der Tasche auf die Straße. Von den sechs Personen, mit denen wir bei unserem ersten Besuch in Ayacucho längere Gespräche führten, waren vier - zwei Journalisten, ein Polizeihauptmann und ein linksgerichteter Universitätsdozent - bei einem weiteren Besuch einige Jahre später nicht mehr am Leben. Der Polizeioffizier war von einem Terroristenkommando getötet worden, bei den anderen wurden die Mörder nie bekannt.

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