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: Im Tal der glücklichen Bauern

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Baskisch wird heute von rund einer Million Menschen in Spanien und Frankreich gesprochen und gelesen. Für eine kleine Minderheit davon - nicht alle Basken lesen Bücher - schreiben die Autoren, die muttersprachlich das Euskera, das Baskische, benutzen. Der bekannteste und am meisten übersetzte, ausgezeichnet ...

          Baskisch wird heute von rund einer Million Menschen in Spanien und Frankreich gesprochen und gelesen. Für eine kleine Minderheit davon - nicht alle Basken lesen Bücher - schreiben die Autoren, die muttersprachlich das Euskera, das Baskische, benutzen. Der bekannteste und am meisten übersetzte, ausgezeichnet mit den wichtigsten Literaturpreisen Spaniens, ist Bernardo Atxaga, der viel zum Entstehen einer neuen baskischen Literatursprache beigetragen hat. Ein anderer, schon verstorbener Erzähler war Mario Onaindía. Im berüchtigten Burgos-Prozess als Eta-Aktivist zum Tode verurteilt und dann von Franco begnadigt, war er später einer der wichtigsten unter den gemäßigten Politikern im Baskenland, der an der Seite der spanischen Sozialisten für die Autonomierechte des Baskenlandes kämpfte.

          Auch Bernardo Atxaga, geboren 1951 in einem Bergtal nicht weit von San Sebastián, klammert den Eta-Terrorismus nicht aus seinen Werken aus. In Romanen wie "Ein Mann allein" (Unionsverlag) oder wie in "Das Fenster zum Himmel" (Suhrkamp) geht es um Eta-Aktivisten, welche die Organisation verlassen haben, aber innerlich nicht frei werden von ihrer Vergangenheit, vom Leben im Untergrund. In "Leute aus Obabakoak" hat Atxaga das imaginäre Dorf in einem Tal des Baskenlandes dargestellt, das zum Schauplatz der meisten seiner Bücher wurde.

          So auch für "Der Sohn des Akkordeonspielers". In diesem, jetzt auf Deutsch erschienenen Roman zeigt er, wie friedliche junge Leute aus bäuerlicher Umgebung in die Eta kommen können. Sie wachsen in einer bukolischen Welt auf, haben die üblichen pubertären Erlebnisse, verlieben sich und beginnen sich in einem ausgesprochen politisierten Umfeld im Alter von achtzehn, neunzehn Jahren für die Situation ihrer baskischen Heimat und damit für die Politik zu interessieren. Es passiert schon mal, dass Freunde dieser Gruppe von der Polizei irrtümlich oder leichtfertig erschossen werden, und das bestärkt die anderen in ihrem Willen, etwas gegen die brutale Repression zu unternehmen. David, der Protagonist des Romans, entdeckt zufällig, dass sein Vater, der Akkordeonspieler, eine Liste angelegt hatte mit den Namen der Sympathisanten der Republik, die nach der Eroberung des Dorfes durch Francos Truppen erschossen werden sollten. David, auch er Akkordeonspieler, weigert sich daraufhin, bei patriotischen Feiern des sogenannten nationalen Spanien, nämlich der Anhänger Francos, sein Instrument zu spielen - ein erster Akt des Widerstandes. Nach und nach erfahren David und sein Freund Joseba mehr über die Verbrechen der Franco-Diktatur, gleichzeitig nimmt ihre Wertschätzung der baskischen Lebensweisen, der Traditionen und Bräuche ihrer Heimat zu.

          Als sie dann Mitglieder der Untergrundorganisation kennenlernen, die angeblich auf der Suche nach Schmetterlingen in ihr Dorf gekommen sind, und diese ihnen vom Kampf der Basken gegen die Schergen der Diktatur erzählen, schließen sie sich der Eta an und gehen über die Pyrenäen ins französische Baskenland, wo sie zu Guerrillakämpfern ausgebildet werden. Für David und Joseba sind die Francisten schuld an allem - an den Mordtaten, an der Korruption, an der Vernichtung der bäuerlichen Idylle durch die Kräne und Lastwagen, die die Faschisten im Dienste ihrer schmutzigen Geschäfte ins Tal der glücklichen Bauern bringen. Um zu beweisen, wie leicht junge Männer vom Land zu idealistischen Terroristen werden können, beschreibt Atxaga das Dorfleben ermüdend detailliert, nicht selten nahe am Kitsch. Das und die doch etwas einseitige Verklärung baskischer Traditionen waren Hauptargumente eines Totalverrisses in der Zeitung "El País", der in Spanien einen literarischen Skandal auslöste (F.A.Z. vom 22. Dezember 2004).

          Da es in Deutschland kaum Übersetzer aus dem Baskischen gibt, wurde die deutsche Fassung von Matthias Strobel aus dem Spanischen übertragen. Das ist zu rechtfertigen, denn Bernardo Atxaga hatte zusammen mit Asún Garikano sein Buch selbst schon ins Spanische übersetzt - wenn auch unter Ächzen und Stöhnen, weil das Spanische zu praktisch und nicht so poetisch sei wie die baskische Dorfsprache, die besonders reich an Vokabeln für Steine, Bäume und Tiere ist. In "Der Sohn des Akkordeonspielers" macht Atxaga ausgiebig davon Gebrauch.

          Atxaga ist trotz seiner Heimatliebe kein baskischer Nationalist. Er will nach eigener Auskunft auch kein Vorzeigebaske sein. Doch wird er immer wieder bei den turbulenten Ereignissen im Baskenland nach seiner Meinung gefragt, die er dann auch offen ausspricht. Obwohl das für ihn nicht immer ganz ungefährlich ist, wird er für das Baskenland, dessen Sprache und Literatur als Schriftsteller, der aktuellen, brisanten Themen nicht ausweicht, auch in Zukunft von großer Bedeutung sein.

          WALTER HAUBRICH

          Bernardo Atxaga: "Der Sohn des Akkordeonspielers". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Matthias Strobel. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2006. 463 S., geb., 24,80 [Euro].

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